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Kasseler Kunsthochschule zeigt Ausstellung zum Verschwinden der Kälte

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Von: Mark-Christian von Busse

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Auf Stahlplatten: Maximilian Wolter, „It’s just a Large Real Estate Deal“.
Auf Stahlplatten: Maximilian Wolter, „It’s just a Large Real Estate Deal“. © Mark-Christian von Busse

Studierende der Kunsthochschule zeigen in der neuen Ausstellungshalle ihre Werke zum Verschwinden der Kälte in der Arktis. Sie hatten zuvor auch bei einer Exkursion zu den Auswirkungen des Klimawandels recherchiert.

Kassel – „Von Kassel nach Spitzbergen sind es 3000 Kilometer“, schreibt Gabriel Weise im Begleittext zu seinen Gemälden, die zurzeit in der Ausstellungshalle der Kunsthochschule zu sehen sind: „Vielleicht hilft uns ja die Distanz, zu verdrängen, was im arktischen Raum immer sichtbarer wird.“ Es sind die Folgen des Klimawandels.

Mit der Situation in der Arktis als Vorschau dessen, was auch auf uns zukommen wird, hat sich über mehrere Semester ein Studierendenprojekt der Malerei-Klasse von Dierk Schmidt beschäftigt. Die Teilnehmer nahmen die Auswirkungen des voranschreitenden Abschmelzens des arktischen Eises in den Blick, beschäftigten sich aber auch grundsätzlich mit dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft, mit Methoden der künstlerischen Forschung, Fragen der Repräsentation und der Konstruktion von Bildern. Warum, fragt etwa Weise, wirkt selbst der Anblick abbrechender Eisblöcke auf uns nicht bedrohlich?

Eine Exkursion nach Norwegen – mit Aufenthalten in Tromsø und Svalbard auf Spitzbergen – rundete die Recherche ab, die in Videos, mit einem Büchertisch, Skizzen und Vorarbeiten nachvollziehbar wird. Der Ausstellungstitel „Neun Bilder zum Recht auf Kälte“ bezieht sich auf eine Forderung der kanadischen Aktivistin Sheila Watt-Cloutier für die indigene Bevölkerung.

Im Zentrum steht eindrucksvolle Malerei. Sie greift oft Elemente der Kartografie auf – dem Untertitel der Ausstellung „Die Teilung der Erde“ entsprechend: Wenn ein Großteil des Nordpolarmeers eisfrei wird, können bislang unzugängliche Erdöl- und Erdgasressourcen ausgebeutet werden. Die Anrainerstaaten bekunden bereits ihre Interessen bei der Aufteilung des Tiefseegrundes. Professor Dierk Schmidt, Teilnehmer der documenta 12, befasst sich in seinem Beitrag mit norwegischen Ölförderlizenzen als Beispiel für nationale Territorialansprüche.

Maximilian Graf betrachtet seine mit eingefärbtem Wachs bemalten, an die Wand gelehnten Glasplatten als Karten; sie stehen für die Bezwingung der Natur, die gewaltvolle Einteilung der Welt. Auf dem Boden übereinander gelegt, lassen die Platten an Eisschollen denken. Die Pigmente sind mit der Insel Svalbard verbundene Eisenoxide, das verwendete Paraffin ist ein Abfallprodukt der Erdölgewinnung – das symbolisiert für Graf unsere Verbindung zur sowie die Entfremdung von der Arktis.

Auch bei Marlon Meng tauchen Meereskoordinaten auf. Der Meeresgrund ist bei ihm Silber – in Anlehnung an das im Permafrost eingeschlossene Quecksilber. Sobald das Eis taut, werden große Mengen Schadstoffe freigesetzt. Meng rückt auch den Stillstand im Arktischen Rat in den Fokus. Dessen Aufgabe soll die Hoheit über die internationalen Gewässer sein.

Tony Bartos malt einen „Macher“, er sieht die Unterwerfung der Natur als patriarchalisch geprägt. Maximilian Wolters Diptychon aus verzinkten Stahlplatten greift die Debatte um die Unabhängigkeit Grönlands als postkoloniales Erbe Dänemarks auf. Drei Bilder von Schiffsmodellen auf norwegischem Segelleinen – darunter ein holländisches Walfangschiff und ein russischer Flüssigerdgas-Trawler – hat er mit Tauen in den Raum gespannt.

„Globale Verschmutzungen treffen in ihren drastischen Auswirkungen nicht die Länder, die sie zu verantworten haben.“ So kommentiert Lisa Pahlke ihre Installation. Gerade auch in der Arktis konzentriert sich globaler Plastikmüll. Pahlke stellt auf einem 100 Meter langen Strandstück in Grönland gesammelte Abfälle aus, die das Alfred-Wegener-Institut Bremerhaven analysiert hat: ein Fischernetz, Plastiktüten mit Deckeln von Flaschen und Gläsern. Durch die Rückführung will sie zumindest symbolisch Verantwortung für den neuen „Müll-Kolonialismus“ übernehmen. Die verknoteten Plastikseile und Taue sind für Pahlke ein Bild für globale Zusammenhänge und für unsere Verstrickung in die Herstellung, Nutzung und Entsorgung von Plastik.

Bis 4. Februar, Menzelstr. 13 (Innenhof des Nordbaus), Mi bis So 15 bis 19 Uhr, am Mittwoch, 18.1., 18 Uhr Gespräch mit Gästen. kunsthochschulekassel.de

Kartografie als Sinnbild der Bezwingung der Natur: Maximilian Graf hat Glasscheiben mit eingefärbtem Wachs bemalt – hier sein Beitrag „SAS DY 396 B 16“. Die Aussparungen entsprechen Flugzeugfenstern.
Kartografie als Sinnbild der Bezwingung der Natur: Maximilian Graf hat Glasscheiben mit eingefärbtem Wachs bemalt – hier sein Beitrag „SAS DY 396 B 16“. Die Aussparungen entsprechen Flugzeugfenstern. © Mark-Christian von Busse
„Plastik (aus) der Arktis – eine Feldforschung“ von Lisa Pahlke.
„Plastik (aus) der Arktis – eine Feldforschung“ von Lisa Pahlke. © Mark-Christian von Busse

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