Das Kunstjahr 2013: Der Sensationsfund von Schwabing

Eine Wohnung in München-Schwabing: Hier lebte Cornelius Gurlitt zurückgezogen.

Zwei völlig unterschiedliche, schlagzeilenträchtige Fälle dieses Jahres sind in einem Punkt vergleichbar: Moral und Recht fallen auseinander. Das gilt für Altbundespräsident Christian Wulff, wo sich die Empörung vor Gericht auf strittige 750 Euro reduziert, und das gilt für Cornelius Gurlitt, Sohn und Erbe von Hildebrand Gurlitt, einer zentralen Figur im NS-Kunsthandel.

In der Etagenwohnung des Sonderlings in Schwabing wurden, wie im November der „Focus“ enthüllte, 1406 verschollen geglaubte Kunstwerke im Millionenwert sichergestellt, darunter Werke von Picasso, Chagall, Beckmann, Matisse, Nolde, Dix.

Der Sensationsfund rührt an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Fast 600 Bilder stehen im Verdacht, Nazi-Raubkunst zu sein - jüdischen Kunsthändlern und Sammlern weggenommen, abgepresst, zu Spottpreisen abgekauft. Oft halfen nur diese lächerlichen Summen, ihnen die Flucht vor Verfolgung und Tod zu finanzieren. Die Bundesregierung hat deshalb 1998 die Washingtoner Erklärung unterzeichnet, wonach Kunst aus ehemals jüdischem Besitz in der Regel zurückgegeben werden soll.

Allein – dieser Grundsatz gilt nicht für Privatleute. Auch hinter vielen von Gurlitts Bildern verbergen sich schlimme Schicksale. Rechtlich aber dürfte ihm sein Besitz kaum streitig zu machen sein – schon weil der Tatbestand der Unterschlagung längst verjährt wäre. Inwiefern kann Cornelius Gurlitt, im Dritten Reich ein Teenager, überhaupt für Handlungen seines 1956 gestorbenen Vaters verantwortlich gemacht werden? Kategorien von Gut und Böse verschwimmen. Museen haben vieles freiwillig abgegeben, als sie ihre Sammlungen in den 30ern von „entarteter“ Kunst „säuberten“. Hildebrand Gurlitt, der sich für die Avantgarde einsetzte, als Leiter des Hamburger Kunstvereins abgesetzt worden war, hat für solche Bilder einen Preis entrichtet – womöglich auch, um sie zu retten. Er galt als rechtmäßiger Eigentümer, weil die Rechtslage der „Säuberungsaktion“ nach 1945 nie korrigiert worden ist.

Offen ist nicht nur, warum die Justiz die Brisanz nicht erkannte, den Fund eineinhalb Jahre geheimhielt. Ungeklärt ist, warum die Staatsanwaltschaft, die ursprünglich wegen Steuervergehen ermittelte, ausnahmslos alle Bilder beschlagnahmte, die ja nicht, wie es anfangs hieß, in einer vermüllten Wohnung zwischen Essensresten, sondern fachgerecht aufbewahrt wurden. Manche Juristen bezweifeln, ob es für die vollständige Einlagerung eine Rechtsgrundlage gibt. Bei 300 Werken ist schon geklärt, dass kein Raubkunst-Verdacht besteht.

Auch diesen Aspekt hat der Fall: Ein gebrechlicher, herzkranker, 81-jähriger Mann, inzwischen unter vorläufige Betreuung gestellt, ist in die Öffentlichkeit gezerrt und womöglich zu Unrecht des für ihn Wichtigsten beraubt worden: seiner Bilder. Schon aus Sicherheitsgründen wird er nie wieder mit ihnen leben können. „Die hätten warten können, bis ich tot bin“, sagt Gurlitt. Seine Welt ist aus den Fugen.

Inzwischen ermittelt eine Taskforce die Provenienz aller Werke. Auf der Internet-Plattform Lostart.de werden sie veröffentlicht. Weil sich zivilrechtliche Auseinandersetzungen jahrelang hinziehen könnten, hofft man auf eine einvernehmliche Lösung. Als er 2011 Max Beckmanns „Der Löwenbändiger“ versteigern ließ, hatte sich Gurlitt ohne Aufsehen mit den Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim geeinigt, der Erlös wurde geteilt.

Der Bilderfund wird Kunsthistoriker und Juristen wohl Jahre beschäftigen. Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters ahnt: „Man wird nicht immer heilen können, was die Nazis angerichtet haben.“

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