Rückblick

Kunstjahr 2014: Viel Geld schwappt um die Welt

Für 100 Mio. Dollar versteigert: Alberto Giacomettis Plastik „Chariot“ erzielt den Auktionsrekord 2014. Foto: dpa/Sotheby’s

Ein schlagzeilenträchtiges Jahr war 2014, was Kunstszene und Ausstellungen betrifft. Wir schauen zurück.

Von Athen lernen

Der Rahmen ist unspektakulär, die Nachricht ein Hammer: Adam Szymczyk (43), Leiter der documenta 14, kündigt in der Kunsthochschule an, seine Ausstellung 2017 auf Athen auszuweiten. Der Pole regt einen Perspektivwechsel an, Kassel soll auch die Rolle eines Gastes einnehmen, „“ ist der Arbeitstitel. Tatsächlich steht Kassel sofort kopf - überwiegend vereint in der Ablehnung des Konzepts, mit dem Szymczyk die Findungskommission überzeugte. Ihr hatte die Politik die Wahl des künstlerischen Leiters überlassen. Es mutet deshalb grotesk an, dass der Kasseler CDU-Fraktionschef vom SPD-Oberbürgermeister ein „Machtwort“ im documenta-Aufsichtsrat fordert: Seine Wiesbadener Parteifreunde haben dieses Prozedere befürwortet, Szymczyks Pläne mit abgesegnet. Die Debatte wird bizarr, als sich die AfD zu Wort meldet, die mit Kulturkompetenz bisher nicht aufgefallen ist, und Kaufleute das künstlerische Erbe des documenta-Gründers Arnold Bode in Gefahr sehen. Szymczyk hat einen wunden Punkt getroffen, und über Auftrag und Bedeutung der documenta muss neu diskutiert werden. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass Kuratoren, Kritiker und Sammler 2017 Kassel meiden könnten.

Stabwechsel in Kassel 

Ein seltenes Bild: Vier documenta-Leiter, dazu die Direktoren im Fridericianum, kommen nach Kassel, als documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld in den Ruhestand tritt. Er übergibt seinen Posten an Annette Kulenkampff. Betroffenheit löst der Tod des beliebten Belgiers Jan Hoet aus, der 1992 die Documenta IX geleitet hatte. Auch documenta-Teilnehmer sterben 2014: Maria Lassnig, Mo Edoga, On Kawara, Harun Farocki, Otto Piene.

Der Fall Gurlitt 

Zwei Jahre nach Entdeckung des Kunstschatzes in seiner Schwabinger Wohnung werden im verwahrlosten Salzburger Haus des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt noch wertvollere Bilder entdeckt. Am 6. Mai 2014 stirbt der 81-Jährige, das Kunstmuseum Bern tritt sein Erbe an. 500 Bilder unter NS-Raubkunstverdacht bleiben in Deutschland, eine Taskforce ermittelt ihre Herkunft (Provenienz). „Bern die Lust, Berlin die Last“, titelt die niederländische Zeitung „de Volkskrant“: Die Bundesrepublik zahlt die Provenienzforschung, die „sauberen“ Bilder gehen in die Schweiz. Die war einst eine Drehscheibe für den Handel mit Nazi-Raubkunst, hat sich mit dieser unrühmlichen Geschichte bislang aber kaum auseinandergesetzt.

Der Fall Achenbach 

Seit Juni sitzt Kunstberater Helge Achenbach in Haft. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis. Der 62-Jährige soll reiche Sammler durch manipulierte Rechnungen betrogen haben. Allein beim 2012 gestorbenen Aldi-Erben Berthold Albrecht geht es um fast 20 Mio. Euro Schadenersatz. Fast im Monatstakt kaufte Albrecht hochkarätige Kunstwerke sowie Oldtimer. Achenbachs Verhaftung ist ein Indiz für einen überhitzten Kunstmarkt mit schwindelerregenden Summen: Sotheby’s setzt im Herbst mehr als eine Milliarde Dollar (846 Mio. Euro) um, Christie’s stellt mit knapp 853 Mio. Dollar an einem einzigen Abend einen Rekord auf. Die Platzierungen zwei und sieben bei Auktionen nehmen mit 82 und 70 Mio. Dollar zwei Andy-Warhol-Siebdrucke ein, die Jahrzehnte im Spielcasino Aachen hingen. Betreiber Westspiel, Tochter der landeseigenen NRW.Bank, hat sie auf den Markt geworfen - trotz Protesten der Kunstszene. „Der Geldhahn ist voll aufgedreht“, sagt Hans Neuendorf, Gründer des Online-Kunstdienstleisters artnet: „Das Geld schwappt herum auf der Welt, es gibt immer mehr davon.“

und dann waren da noch ... 

• Freude über Sanierungen und Eröffnungen: Das Landesmuseum Darmstadt, das Museum Moderner Kunst in Frankfurt, das Kunstmuseum Münster, die Fotogalerie C/O im Amerikahaus Berlin und die Meisterhäuser des Bauhauses Dessau werden erweitert oder strahlen in neuem Glanz. In Dessau beginnt Claudia Perren als Direktorin, ihr Vorgänger Philipp Oswalt kehrt an die Kasseler Uni zurück.

• Spektakuläre Ausstellungen: Einen Besucherrekord (240 000 Menschen) erzielt die Ai-Weiwei-Schau im Gropius-Bau. Zur Schau des Jahres wählen Kritiker die des documenta-Künstlers Pierre Huyghe in Köln. Furore in den USA machen Ausstellungen der documenta-Teilnehmer Sigmar Polke und Isa Genzken. Niedersachsen begeht 300 Jahre Personalunion mit England. Kassel feiert seinen Cartoonisten Gerhard Glück, der 70 Jahre alt wird. Unüberschaubar ist die Zahl von Ausstellungen zu 100 Jahren Erster Weltkrieg.

• eine irritierende Flagge: Wenn Kunst provozieren, genaues Hinsehen einfordern soll, dann macht Fridericianum-Leiterin Susanne Pfeffer alles richtig: Eine Fahne auf dem Zwehrenturm, die einige an die Flagge des Islamischen Staats erinnert, sorgt für Aufregung. Sie stammt aus der einfühlsamen Ausstellung des Iraners Fahad Fozouni und zeigt ein Lautzeichen aus der arabischen Sprache, das selbst keine Bedeutung hat. Wie hätte man auch im Ernst annehmen können, dass das Fridericianum Werbung für den IS macht?

Von Mark-Christian von Busse

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