Kunstjahr 2015: Rekordjagd und Vernichtung

Ai Weiwei darf reisen: Der Star der documenta 12 in Kassel erhält nach jahrelangen Schikanierungen seinen Pass zurück. In Berlin tritt der 58-Jährige eine Gastprofessur an, in London und Melbourne eröffnet er Ausstellungen. Am Alltag mit Sohn Ai Lao (6, wie hier im Juli in München) lässt er die Welt via Instagram teilhaben. Fotos:  picture-alliance

Auktionen erzielen Milliarden, der Islamische Staat zertrümmert einzigartige antike Stätten, Ausstellungen locken Hunderttausende - ein Blick auf Kunstwelt und Museen im Jahr 2015.

In Kassel feierte die documenta ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Symposium und Ausstellungen wie zu Joseph Beuys’ 7000-Eichen-Projekt, Marcel Broodthaers, Judith Hopf und „Utopie documenta“ zeigen, wie einflussreich und fruchtbar die Geschichte der Weltkunstausstellung ist. In Venedig kuratiert der frühere documenta-Leiter Okwui Enwezor die Biennale - und lobt die Arbeitsbedingungen und den Freiraum in Kassel. Was war sonst los in Museen und Kunstszene? Eine Übersicht.

Zerstörung

Der Islamische Staat (IS) vernichtet im Irak und in Syrien einzigartige Jahrtausende alte Stätten von unermesslichem Wert. In Palmyra wird der renommierte Chefarchäologe ermordet. Viele Antiken werden illegal verkauft, um Waffen zu finanzieren. Was zu berühmt zum Verkauf oder zu groß sei, werde medienwirksam zertrümmert, erläutert Michael Müller-Karpe vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz: „Diese Wahnsinnigen zerstören unser gemeinsames Erbe.“ Die kulturelle Säuberung soll den Menschen ihre Identität nehmen, der eigenen Klientel imponieren und den Westen demütigen und einschüchtern. Sie bringt Milliardensummen ein. Der Handel mit geraubten Kulturgütern ist nach Unesco-Schätzungen das drittgrößte Feld der organisierten Kriminalität.

Wirbel um ein Gesetz

Den Handel mit geplünderten Kunstschätzen soll ein neues Kulturgutschutzgesetz eindämmen. Derzeit müsse jede eingeführte Wurst deklariert werden, antikes Kulturgut aber nicht, „das ist an Absurdität nicht zu überbieten“, sagt etwa der Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, Markus Hilgert. Die Pläne von Kulturstaatsministerin Monika Grütters sorgen aber für einen Aufstand von Sammlern wie Hasso Plattner (Potsdam) und im Kunsthandel, die eine „Enteignung“ fürchten - weil das Gesetz auch national wertvolles Kulturgut vor Abwanderung schützen will. Ausfuhren in EU-Länder sollen teils genehmigungspflichtig werden - Gemälde etwa, wenn sie älter als 70 Jahre und mehr als 300000 Euro wert sind. Schon das Vorhaben der WestLB-Nachfolgerin Portigon AG, die Kunstsammlung der Bank zu veräußern, hatte die Frage aufgeworfen, welche Kunst als „national wertvoll“ geschützt werden muss. Künstler Georg Baselitz lässt aus Protest Leihgaben in Museen abhängen. Gerhard Richter sagt: „Es ist doch völlig egal, ob die ,Mona Lisa’ in Paris oder Rom hängt, Hauptsache, wir können sie sehen und es wird alles Mögliche getan, sie zu erhalten.“ Der Bundesrepublik drohe „eine Verarmung ihrer Kunstlandschaft“, sagt der Präsident der Internationalen Vereinigung der Antikenhändler (IADAA), Vincent Geerling: „Viele Kunsthändler nennen es inzwischen bereits ,Kulturvertreibungsgesetz’.“ Wenn dieses Gesetz in Kraft trete, „wird doch kein seriöser Sammler in Deutschland noch irgendein wichtiges Bild zum Beispiel in New York kaufen und es dann nach Deutschland bringen“, meint Geerling. „Er weiß doch gar nicht, ob er es dann später noch wieder ausführen könnte, ohne sich strafbar zu machen.“ Grütters verteidigt sich: „Gerade angesichts immer rücksichtsloserer Märkte muss man mit Kunst anders umgehen als mit Gartenmöbeln oder Bettwäsche.“ Kulturstiftung der Länder und Museumsbund springen ihr bei. „In Deutschland macht man es unseriösen oder unwissenden Händlern zu leicht, da ist bisher in Wahrheit gar nichts reguliert, jeder kann alles verkaufen“, sagt Martin Roth, Leiter des Victoria & Albert Museum London. Demnächst steht die parlamentarische Debatte an.

Rekorde

Der Hype auf dem Kunstmarkt setzt sich fort. Das Gemälde „Nafea Faa Ipoipo“ (Wann heiratest du?) von Paul Gauguin soll für den Rekord von fast 300 Mio. Dollar an einen Käufer in Katar gegangen sein. Das berichtet die „New York Times“. Pablo Picassos „Frauen von Algier“ werden mit fast 180 Mio. Dollar (168 Mio. Euro) zum teuersten je versteigerten Bild. Es folgt Amedeo Modigliani mit gut 170 Mio. Dollar für seinen „Liegenden Akt“. Auch der Auktionsrekord für Skulpturen fällt: mit 141,3 Mio. Dollar für Alberto Giacomettis „Zeigender Mann“. An wenigen Abenden setzen Christie’s und Sotheby’s jeweils Kunst für mehr als eine Milliarde Dollar um. Für zahlreiche Künstler, darunter Polke und Uecker, fallen Rekordmarken. Inzwischen haben zehn Werke die magische 100 Mio.-Dollar-Marke genommen. „Es ist wahnsinnig viel flüssiges Geld auf der Welt vorhanden, in den Händen von sehr vielen Menschen in ganz vielen Erdteilen und Nationen“, sagt Hans Neuendorf, Gründer des Online-Kunstdienstleisters Artnet. Günther Ueckers Nagelkunstwerk „Hommage à Paul Scheerbart“ wurde bei Ketterer für 300 000 Euro aufgerufen und für fast 1,9 Millionen Euro mit Aufgeld versteigert - ein neuer Auktionsrekord für den Zero-Künstler. „Jede Auktion läuft besser als die vorhergehende“, sagt Inhaber Robert Ketterer. „Wir profitieren auch von der Kaufkraft der globalen Käuferschichten.“

Achenbach im Knast

Sechs Jahre Gefängnis, 20 Mio. Euro Schadenersatz, das Firmenimperium zusammengebrochen, 2400 Kunstwerke von zehn Euro bis 316 000 Euro für 9 Mio. Euro zwangsversteigert: Der Sturzflug des prominenten Düsseldorfer Kunstberaters Helge Achenbach könnte kaum steiler sein. Im März wurde er wegen Millionenbetrugs an reichen Kunden wie Aldi-Erbe Berthold Albrecht verurteilt. Im Gefängnis singt der 63-Jährige im Chor, lernt Malen, trägt Essen aus, putzt Toiletten, unterrichtet Kunstgeschichte und spielt Skat mit Ex-Manager Thomas Middelhoff um eine Tüte Haribo. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Achenbachs Frau schreibt ein Buch mit dem Titel „Meine Wäsche kennt jetzt jeder“.

Zu viele Museen?

Gibt es in Deutschland zu viele Museen? Mit dieser These provoziert Christiane Lange, Chefin der Staatsgalerie Stuttgart. Sie fordert, die Flaggschiffe zu stärken und das Niveau hoch zu halten, statt „jedes schöne Künstleratelier zu einer Gedenkstätte zu machen“.

Tauziehen um Rembrandt-Deal beendet

Frankreich und die Niederlande kaufen die „Hochzeitsporträts“ des Altmeisters gemeinsam für 160 Mio. Euro. Die Gemälde des Ehepaares Maerten Soolmans und Oopjen Coppit sollen paarweise ausgestellt werden, jeweils abwechselnd im Pariser Louvre und im Amsterdamer Reichsmuseum.

Nazi-Kunst

In Bad Dürkheim werden tonnenschwere Bronze-Pferde von Josef Thorak, die einst vor Hitlers Reichskanzlei standen, bei einer Razzia beschlagnahmt. Die insgesamt sechs Skulpturen u. a. von Arno Breker aus der NS-Zeit waren 1989 von einem russischen Militärgelände in Eberswalde verschwunden.

Kriminalität

Unbekannte rauben 17 Gemälde im Wert von bis zu 15 Mio. Euro aus dem städtischen Museum Castelvecchio in Verona. Darunter sind Werke von Rubens, Tintoretto und Pisanello. Im Prozess um nachgemachte Giacometti-Skulpturen verurteilt das Landgericht Stuttgart einen Kunstfälscher zu fünf Jahren und drei Monaten Haft. Der 56-jährige Angeklagte hatte ein Geständnis abgelegt: Der Bildhauer soll weit mehr als 1000 Skulpturen des Schweizer Künstlers gefälscht haben. Schaden: mindestens 4,75 Millionen Euro. Die Figuren hatten einen Materialwert von jeweils rund 100 Euro.

Die Komplizen erfanden für den Verkauf eine Legende über die Herkunft der Skulpturen und fälschten Stempel der Gießwerkstätten und Echtheitszertifikate. Ein Mitglied der Bande gab sich als „Reichsgraf von Waldstein“ und Freund von Alberto Giacomettis Bruder Diego aus. Gutgläubigen und betuchten Kunstfreunden erzählte er, die Skulpturen stammten aus einem von den Erben Giacomettis geheim gehaltenen Fundus.

Gründungsintendanz gefunden

Neil MacGregor (69), bisher Direktor des British Museum in London, übernimmt im Januar die Leitung der Gründungsintendanz des Humboldtforums, der noch der Kunsthistoriker Horst Bredekamp und der Archäologe Hermann Parzinger angehören. Im wiederaufgebauten Schloss in Berlins historischer Mitte soll ab 2019 als Kultur-und Ausstellungszentrum entstehen und unter anderem die Sammlungen für Asiatische Kunst und Völkerkunde aus den Museen in Berlin-Dahlem aufnehmen. Es ist Deutschlands ambitioniertestes Kulturvorhaben: MacGregor sieht „die Chance, die ganze Welt neu zu denken“. „Man hat mich eingeladen, ein Projekt mitzugestalten, das derzeit einzigartig und konkurrenzlos ist auf der ganzen Welt“, sagt der Kunsthistoriker dem „Spiegel“.

Wirbel um Leonardo-Porträt

Die Kunstwelt ist überzeugt, dass „La Bella Principessa“, die schöne Prinzessin, ein echter Leonardo da Vinci im Wert von mindestens 100 Millionen Euro ist. Unsinn, behauptet Shaun Greenhalgh, von Beruf Kunstfälscher, der reihenweise Museen, Sammler, Auktionshäuser und Experten an der Nase herumgeführt hat. „Ich habe dieses Bild 1978 gemalt, als ich bei Co-op gearbeitet habe.“ Vorbild für die junge Frau sei Kassiererin Sally der britischen Supermarktkette. Martin Kemp, früher an der Universität Oxford, der das Bild 2010 zum echten da Vinci erklärte, bleibt bei seinem Urteil. 1998 hatte das Porträt noch für 21 850 Dollar den Besitzer gewechselt, damals war es im Auktionshaus Christie’s als ein Werk eines unbekannten Deutschen aus dem 19. Jahrhundert angepriesen worden.

Praktikant schlägt Wellen

In der Kunsthalle Karlsruhe erkennt der Abiturient Georg Kabierske in Zeichnungen, die 150 Jahre lang dem Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner zugeschrieben wurden, die Hand des italienischen Künstlers Giovanni Battista Piranesi. Die Fachzeitschrift „Master Drawings“ bringt seinen Aufsatz als Titelstory.

Besuchermagneten

Bereits zwei Monate vor Jahresende sind die Zahlen im Frankfurter Städel mit 570 000 um über 120 000 höher als im Rekordjahr 2012. Grund ist der 200. Geburtstag des Museums mit einer Impressionisten-Schau und dem „Dialog der Meistwerke“ (bis 24.1.). Attraktionen sind auch die Cranach-Ausstellungen u. a. in Wittenberg, Weimar und Kassel (bis 10.1.) „ImEx“ mit Im- und Expressionisten erzielt einen Rekord in der Alten Nationalgalerie Berlin.

Krimi ohne Ende

Eine Cousine ficht das Testament an, mit dem Cornelius Gurlitt seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern vermacht hat. Ein Gutachten erklärt, Gurlitt habe im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gehandelt. Die Entscheidung des Oberlandesgerichts München steht noch aus. Eine Taskforce hat erst in vier Fällen nachweisen können, dass Bilder jüdischer Eigentümern einst von den Nazis geraubt oder abgepresst wurden. Verdächtig sind fast 500 Werke.

Neue Museen

Schlagzeilen macht die für die der Kunststiftung des Modehauses Prada von Rem Koolhaas umgebaute alte Brennerei in Mailand. Ein Gebäudeteil ist in Blattgold verkleidetist. Die Bar hat Regisseur Wes Anderson gestaltet. Zur Eröffnung reist der Kasseler „Apoll“ nach Mailand. Umstritten ist das neue Whitney Museum von Renzo Piano im New Yorker Szene-Viertel Meatpacking District. Hannover bekommt einen 35,7 Mio. teuren Erweiterungsbau des Sprengel Museums, den viele als „Brikett“ schmähen.

Islamfeindliche Parolen

Eine Installation aus 34 Teppichen der Künstlerin Nezaket Ekici vor dem Dresdner Landgericht wird mehrmals besprüht und zerstört. Das Orientteppich-Portal sollte auf die Diskrepanz zwischen historischer Weltoffenheit und den Ängsten von Pegida aufmerksam machen. „Ich wollte ein Dialogangebot machen, aber keine Seite spricht mit mir“, sagt die Künstlerin.“ Ganz offensichtlich berührt das Kunstwerk einen sehr empfindlichen Nerv in der Stadt“, meint Kulturbürgermeister Ralf Lunau.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.