Rückblick auf das Kunstjahr 2016: Christo lockte die Massen

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Drei Kilometer lang, 16 Meter breit, 35 Zentimeter hoch: Christos „Floating Piers“.

Kassel. Was 2016 in Museen und auf dem Kunstmarkt geschah: Vor allem ein neues Gesetz verunsicherte Sammler und Händler. Und Christo machte einen See in Norditalien zum Besuchermagneten.

Über 114 Mio. Besucher zählten die Museen und Kunsthallen 2015 – neuere Zahlen gibt es noch nicht. Sie boten 9025 Sonderausstellungen. Gefeiert wurden dieses Jahr 100 Jahre Dada und der 150. Geburtstag von Otto Dix. Des 500. Todestags von Hieronymus Bosch und des 100. von Franz Marc wurde gedacht. Für Schlagzeilen sorgten aber vor allem ein 81-jähriger Verhüllungskünstler – und ein umstrittenes Gesetz.

Christos „Floating Piers“

Einst hat er den Reichstag eingepackt, im Juni legt Christo (81) schwimmende Stege über den Iseo-See in der Lombardei. In 16 Tagen besuchen 1,2 Millionen das Örtchen Sulzano und die vorgelagerten Inseln. Der Stoff, der den Traum verwirklichen lässt, über Wasser zu wandeln, stammt aus dem Münsterland und wird in Lübeck vernäht. Das gelb-orange-leuchtende Nylongewebe wird später für den Garten- und Straßenbau recycelt.

Kulturgutschutzgesetz

Mehraufwand in Behörden, die Ausfuhrgenehmigungen erteilen müssen, Beratungsbedarf in Museen, Bürokratie für Kunsthändler, Verunsicherung bei Sammlern – das Gesetz zum Kulturgutschutz lässt die Kunstwelt über Auflagen stöhnen. Genehmigungspflichtig ist seit 1. August – auch im EU-Binnenmarkt – der grenzüberschreitende Handel von Kunst, die älter als 70 Jahre und wertvoller als 300 000 Euro ist. Herausragende, identitätsstiftende Kulturgüter dürfen gar nicht ausgeführt werden.

Das Ansinnen ist grundsätzlich richtig: Die Abwanderung „national wertvollen“ Kulturguts soll verhindert, illegaler Handel mit Raubgut aus Kriegs- und Krisengebieten erschwert und eingedämmt werden. Tatsächlich halten Zerstörungen und Plünderungen in Syrien und Irak weiter an und erschrecken die Welt.

Höhlenmalereien in Kopie

25 Künstler saßen drei Jahre in einem Atelier, um nach einem 3-D-Modell auf Felsimitationen aus Stahl und Acrylharz millimetergenaue Reproduktionen anzufertigen: Die vor 18 000 Jahren geschaffenen Höhlenmalereien von Lascaux bei Montignac (Dordogne) werden als Replik neu eröffnet. Die 8500 Quadratmeter große Beton- und Glasarchitektur kostete über 60 Mio. Euro. Sie bildet die 800 Meter entfernte Grotte in Originalgröße ab.

Wechsel auf Chefposten

Für Trauer in Frankfurt sorgt der Weggang des umtriebigen, innovativen Museumsmanagers Max Hollein (47), der von Städel, Schirn und Liebieghaus nach San Francisco wechselt. Sein Nachfolger als Dreifachdirektor, Philipp Demandt (45), kommt von der Alten Nationalgalerie Berlin. Die gebürtige Göttingerin Marion Ackermann (51) geht von der Kunstsammlung NRW an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. In der Kunsthalle Emden zieht sich Eske Nannen (74), Witwe des Stifters und „stern“-Gründers Henri Nannen, nach 30 Jahren aus der Geschäftsführung zurück.

Ende des Höhenflugs

Weniger als ein Prozent aller versteigerten Werke erzielen Preise von mehr als einer Million Euro – das aber macht 57 Prozent des Auktionsumsatzes aus. Mit dem normalen Kunstbetrieb hat diese Geldanlage der Superreichen nichts zu tun, das eine Prozent an der Spitze koppelt sich von den übrigen 99 Prozent immer weiter ab. Der Weltkunstmarkt insgesamt verzeichnet mit einem Umsatzrückgang von sieben Prozent eine deutliche Abkühlung. Wenngleich die deutschen Auktionshäuser zufrieden sind – Grisebach erzielt mit 34 Mio. Euro in vier Tagen sogar den höchsten Umsatz der Geschichte. Zigtausende Künstler kratzen jedoch immer am Existenzminimum.

Bedrohtes Museum

Wirtschaftsprüfer empfehlen in einem Gutachten die Schließung des renommierten Leverkusener Museums Morsbroich. Nach bundesweiten Protesten beschließt der Stadtrat, dass der private Museumsverein bis Anfang 2018 ein Konzept vorlegen soll, das die Stadt finanziell entlastet.

Sanierte und Neue Museen

Nach acht Jahren öffnet das Hessische Landesmuseum in Kassel – als einziges Landesmuseum in Hessen erzählt es wirklich Landesgeschichte: auf 3800 Quadratmetern über 300 000 Jahre anhand von 6000 teils spektakulären Objekten.

Mit Millionenaufwand frisch saniert sind auch das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig, die Hamburger Kunsthalle und das Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld. Schwerin freut sich über einen Anbau für das Staatliche Museum, in dem viel Platz für Werke Günther Ueckers geschaffen wird. Der documenta-Künstler Thomas Schütte eröffnet in Neuss sein eigenes Museum. Die Kunstsammlerin Julia Stoschek startet mit einer Dependance ihrer Sammlung in Berlin. In Potsdam lockt ein wiederaufgebautes Barockpalais bereits leer die Besucher: Das Museum Barberini, gestiftet von Software-Milliardär Hasso Plattner, wird am 23. Januar eröffnet.

Und dann waren da noch:

• Klarheit in Sachen Cornelius Gurlitt: Das Oberlandesgericht München erklärt sein Testament für gültig, das Kunstmuseum Bern kann den millionenschweren „Schwabinger Kunstfund“ als Erbe übernehmen. • Kunst zu Flüchtlingen: Ai Weiwei, Star der documenta 2007, schafft riesige Installationen mit Rettungswesten. Als geschmacklos wird empfunden, dass er sich in der Haltung des ertrunkenen syrischen Jungen Aylan fotografieren lässt. • Susanne Pfeffers Näschen für junge Positionen: Die 31-jährige Britin Helen Marten, der die Direktorin des Fridericianums in Kassel eine große Einzelausstellung ermöglicht hatte, gewinnt den renommierten Turner-Preis. Für den Deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale 2017 wählt Pfeffer die aus Fulda stammende Anne Imhof aus. • die erste Frau an der Spitze der Vatikanischen Museen seit 1520: Papst Franziskus ernennt die Italienerin Barbara Jatta zur Direktorin. Ihr Vorgänger Antonio Paolucci verrät, dass allein das Abstauben der Objekte und die Kontrolle von Luftfeuchtigkeit und Temperatur 300 000 Euro kosten. 6 Mio. Gäste besuchen die sieben Kilometer Gänge, Säle und Innenhöfe im Jahr. • das schwärzeste Schwarz: Anish Kapoor hat sich die exklusiven Rechte des für den Einsatz in Militär und Luftfahrt entwickelten Vantablack in der Kunst gesichert. Die Farbe absorbiert 99,96 Prozent des Lichts. • das Museum des Jahres: laut Kunstkritikerverband AICA das Städtische Museum Abteiberg Mönchengladbach. • David Bowies Leidenschaft für Kunst: Fast 40 Mio. Euro bringt die Versteigerung der 350 Werke aus der Kollektion des im Januar gestorbenen Musikers. • der Deutsche Cartoonpreis: Er geht nach Kassel – an „Titanic“-Redakteur Leonard Riegel. • Erfolge für documenta-Künstler: Jimmie Durham erhält den Goslarer Kaiserring, Hito Steyerl rückt laut „Art Review“ unter die zehn wichtigsten Menschen in der Kunstwelt, zur Ausstellung des Jahres wählen Kritiker die von Kader Attia im Museum für Moderne Kunst Frankfurt. Haegue Yang stellt als erste im neuen Ausstellungsraum für zeitgenössische Künstler in der Hamburger Kunsthalle aus. • Tod der berühmtesten Architektin: Zaha Hadid stirbt völlig überraschend mit 65 Jahren an einem Herzinfarkt. Die britisch-irakische Architektin hat als bisher einzige Frau den renommierten Pritzker-Architekturpreis erhalten. Zu ihren bekanntesten Bauten zählen das Contemporary Arts Center in Cincinnati im Bundesstaat Ohio, das Phaeno in Wolfsburg und das Olympische Schwimmstadion in London. • der Parthenon der Bücher: Die argentinische Künstlerin Marta Minujín wird bei der documenta 14 im nächsten Sommer den Tempel auf der Akropolis in Athen auf dem Kasseler Friedrichsplatz in seinen Originalmaßen nachbauen – in einer Stahlkonstruktion und mit einst oder heute verbotenen Büchern verkleidet. Im Oktober war die symbolische Grundsteinlegung. Seither sammelt die documenta Bücherspenden. • eine vergoldete Hauswand: Ein geplantes Kunstprojekt im sozial schwachen Hamburger Stadtteil Veddel sorgt für harsche Kritik. Der Künstler Boran Burchhardt will 85000 Euro Steuergeld für sein Projekt einer vergoldeten Hauswand ausgeben. Er verteidigt sein Vorhaben: „Der Sinn des Projektes ist Kommunikation.“ Es gehe darum, Wirkung zu erzielen für einen Stadtteil, der sonst oft in einem negativen Kontext auftauche. • Aus für die Wippe: Im April kippte der Haushaltsausschuss überraschend das Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin, weil die Kosten von 10 auf 15 Millionen Euro gestiegen sind. 2007 (!) hatte der Bundestag beschlossen, dass die begehbare Waage an die friedliche Wiedervereinigung erinnern soll. • Rekord für Hitler-Figur: Eine umstrittene Plastik, die Adolf Hitler knieend beim Beten zeigt, wird in New York für rund 15 Millionen Euro versteigert. Für ein Werk des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan ist noch nie so viel ausgegeben worden. • Der Mönch ist zurück: Meisterwerke von Caspar David Friedrich wie der „Mönch am Meer“ kehren restauriert in die Alte Nationalgalerie in Berlin zurück. Von der erstaunlichen Wirkung der Gemälde lassen sich Zigtausende faszinieren. • „Birkenau“: Gerhard Richter (84), noch immer der bedeutendste Maler der Welt, präsentiert in Baden-Baden ertsmals seinen abstrakten „Birkenau“-Zyklus, der auf Fotografien aus dem gleichnamigen Konzentrationslager beruht. Die Serie wird anschließend in Moskau gezeigt. • Zufallsfund: Eine mutmaßliche Zeichnung des Renaissance-Meisters Leonardo da Vinci ist in Frankreich entdeckt worden, als der Kunstexperte in einem Auktionshaus Werke durchforstete, die Kunden eingesandt hatten. Die Skizze des Heiligen Sebastian habe einen Schätzwert von 15 Millionen Euro, erklärte das Pariser Auktionshaus Tajan. Die Studie gehört einem Arzt, der anonym bleiben will. • Vervollständigte Fluxuskunst: Moderne Kunst allzu wörtlich genommen hat zum Entsetzen des Aufsichtspersonals eine 90 Jahre alte Besucherin des Neuen Museums Nürnberg, als sie ein Kreuzworträtsel-Kunstwerk ausfüllet. Die Rentnerin versah mit einem Kugelschreiber auf dem Bild einige noch offene Kästchen mit den Lösungswörtern. Sie hatte den Hinweis des Künstlers Arthur Köpcke „Insert words!“ etwas zu wörtlich genommen. Das Kunstwerk konnte restauriert werden. Die alte Dame stand den Eklat mit bGelassenheit durch. • Erlöse für den WDR: Die beiden wertvollsten Gemälde aus dem Bestand des Westdeutschen Rundfunks (WDR) bringen bei einer Versteigerung in London zusammen gut zwei Millionen Euro ein. „Möwen im Sturm“ (1942) von Max Beckmann erzielt nach Angaben von Sotheby’s einen Preis von umgerechnet 1,069 Millionen Euro, „Alpweg“ (1921) von Ernst Ludwig Kirchner wird für 1,1 Millionen Euro versteigert. • das Thema Raubkunst: Welche Kunstwerke im Nationalsozialismus Juden abgepresst oder gestohlen wurden, beschäftigt viele Museen intensiv. In Güstrow gab es einen überraschenden Fund: Bisher unbekannte Dokumente der beiden prominentesten Nazi-Kunsthändler wurden bei Abrissarbeiten eines alten Holzhauses entdeckt. Die Briefe von Hildebrand Gurlitt (1895-1956) an Bernhard Alois Böhmer (1892-1945) aus den 40er-Jahren könnten Auskunft über den Handel mit der als „entartet“ diffamierten Kunst geben. • Ausmalbücher für Erwachsene: „Die Malbücher sind so etwas wie das neue Yoga“, sagt eine Buchhändlerin. Immer mehr Verlage greifen den Mega-Trend auf.

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