Kunstverein: Kalender aus Holzscheiten

Ein Kalender, der die Tage bis zum Frühling anzeigt: Noch hängen die Holzscheite, die von rechts nach links gelesen das Wort „Winter“ bilden, an einer Wand im Fridericianum ...

Der türkische documenta-Künstler Cevdet Erek zeigt eine „Winterausstellung" im Kasseler Kunstverein.

Kassel. Wer unter Schnee, Eis und Minusgraden leidet, kann im Kasseler Kunstverein erfahren, wann der Frühling kommt. Der türkische Künstler Cevdet Erek hat die Buchstaben des Worts Winter - von rechts nach links zu lesen - in 850 Holzscheiten an die Wände des Fridericianums geheftet - ungefähr die Menge, die ein durchschnittlicher Kasseler Haushalt bis Ende März verfeuern wird. In Regale - mit einem Fach pro Ausstellungstag - werden ab sofort täglich ein paar Holzscheite gelegt. Wenn an der Wand nur noch Nägel zu sehen sein werden, werden die Uhren auf Sommerzeit gestellt.

Cevdet Erek ist fasziniert von der Idee, das Vergehen der Zeit anders sichtbar zu machen als durch Uhren oder Kalender. Auf die Idee kam er als Soldat, als er wie ein Strafgefangener seine 460 Tage Wehrdienst abstrich. Man muss sofort daran denken, wie Bundeswehr-Rekruten früher ihre „Tage“ mit einem Maßband abschnitten.

Bei der documenta 13, wo Erek ein leer stehendes Stockwerk im C&A-Gebäude am Opernplatz bespielte, vermerkte er die früheren Weltkunstausstellungen auf dem Zeitstrahl eines Lineals. Wie 2012 ist im Kunstverein auch eine Soundinstallation zu hören: 60 Schläge in der Minute (bpm), ein tiefes Bass-Wummern wie beim Pulsschlag. Die dazugehörige LED-Anzeige bezieht sich auf die Sonnenauf- und -untergangszeiten, die der Muezzin für seinen Gebetsruf berücksichtigt. Abkürzungen der Wochentage hat Erek mit farbiger Folie in die Fenster gehängt. Grün sind die Tage, an denen der Kunstverein geöffnet ist, rot die Schließtage.

Erek arbeitet immer ortsspezifisch, entscheidet oft spontan, wie er in Räume eingreift, experimentiert, schafft jeweils unterschiedliche Versionen seiner Arbeiten. Eine Ausstellung muss keineswegs genauso bleiben, wie sie zum Eröffnungstermin aussieht - siehe den Holzscheit-Kalender.

Der 41-Jährige vermisst die Welt, aber nicht mit Zollstock, Stoppuhr und Waage. Sein Thema sind objektive Ordnungen und subjektive Wahrnehmungen von Klang, Raum, Zeit und Rhythmus. Maßeinheiten und Zeiteinteilungen seien kulturell festgelegt, sagt Erek: Wir glauben, weil wir die lateinische Sprache von links nach rechts lesen, dass die Zeit gewissermaßen in dieser Richtung verläuft. In anderen Kulturen sei es anders. Auch bei einem Baum seien die Jahresringe unterschiedlich breit, obwohl 365 Tage immer gleich lang dauern.

Als Kathrin Balkenhol, Vorstandsmitglied des Kunstvereins, Erek im Sommer im heißen Istanbul für eine Kasseler Präsentation gewinnen wollte, schlug der sofort eine „Winterausstellung“ vor. So lautet nun der Titel, auf Türkisch „Kis Sergisi“. Erek hätte am liebsten ein offenes Feuer ins Zentrum gerückt. Aber, bedauert der 41-Jährige, das gehe im Museum leider nicht: Kunst hat ihre Grenzen. Nun ist ein zweistündiges Video eines Kaminfeuers, das er erst diese Woche in Kassel aufgenommen hat, Herzstück der Schau. Am Kaminfeuer können sich viele Assoziationen entzünden. Erek hat die Aufnahme mit einer Soundcollage unterlegt, bei der er das Knistern, Prasseln und Lodern nachempfindet. Der Kunstverein hat eigens seine Öffnungszeiten verschoben, weil man sich an einen Kamin nicht vormittags setzt. Erek hat extra Loungemöbel entworfen, damit man sich ums Feuer gruppieren kann. Auch online soll man zuschauen können.

Bis 27. März, Mi-So 14-20 Uhr. Eintritt 4/2 Euro. Samstag, 23.1., 18 Uhr: Führung mit Cevdet Erek (auf Englisch). Weitere Führungen: 30.1., 13. und 27.2., 12. und 26.3., Beginn jeweils 14 Uhr.

Sonntag, 7.2., 12.15 Uhr: Filmvorführung des türkischen Oscarbeitrags 2016, „Sivas“, im Bali-Kino. Regie und Buch: Kaan Müjdeci, Musik und Sound: Cevdet Erek.

Zur Person

Cevdet Erek, 1974 in Istanbul geboren, hat an der Mimar Sinan Universität der schönen Künste in Istanbul Architektur und Musik studiert. Er arbeitete als Architekt und promovierte am Zentrum für Musikwissenschaft der TU Istanbul. Seiner Teilnahme an der documenta 13 in Kassel 2012 folgten Ausstellungen im Stedelijk Museum Amsterdam, Witte de With Rotterdam und Kunstverein Hannover. Der Träger des Nam June Paik Awards der Kunststiftung NRW 2012 nahm 2015 an der Istanbul-Biennale teil und ist zur Sydney-Biennale eingeladen. Bei den Filmen „Sivas“ und „Abluka/Frenzy“, beide beim Festival in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, steuerte er Sound und Musik bei. Erek spielt Schlagzeug in der Rockband Nekropsi.

Von Mark-Christian von Busse

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