Die Kunstwelt erobert eine Stadt: Die documenta-Doku „Art’s Home Is My Kassel“

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Kleinarbeit: Julia Steves restauriert die Kreidebilder von Tacita Dean. Foto: Verleih/nh

Kinozuschauer können noch einmal in Erinnerungen an den documenta-Sommer 2012 schwelgen. Zwei Kasseler Filmemacherinnen dokumentieren die Kunstschau. Richtig gelungen ist der Film aber nicht.

Hach - documenta-Gefühl. Natürlich wird der Dokumentarfilm von Katrin und Susanne Heinz über die Verwandlung Kassels von einer normalen Mittelgroßstadt zum Zentrum der internationalen Kunstwelt hier in der Region nostalgische Gefühle wecken und an die Euphorie des Sommers 2012 erinnern. Respektabel ist es auch, dass „Art’s Home Is My Kassel“ einen Verleih gefunden hat und heute bundesweit in die Kinos kommt.

Die Kasseler Filmemacherinnen, die heute in Köln wirken, wollen den Kontrast zwischen den Kunstleuten und den normalen Kasselern zeigen: Volksfest-Riesenrad neben Kunst, nordhessisches Gemähre neben internationalem Kauderwelsch.

Sie finden sogar einen Passanten, der den Spruch-Klassiker ablässt: „Das kann jeder“, als er skeptisch in der Aue vor Song Dongs Doing-Nothing-Garden steht.

Doch das Konzept geht nicht recht auf. Das liegt zum einen daran, dass der im Beiheft formulierte Ansatz, die Kunst mit dem Film von einem „falschen Sockel“ zu heben, gerade bei der documenta 13 am Ziel vorbeischießt. Mal von dem Theorie-Geschwurbel der Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev abgesehen, war gerade diese Ausstellung besonders niedrigschwellig und einfach zugänglich. Es mag also sein, dass schon die Ausgangsthese der Filmemacherinnen nicht stimmt.

Nächstes Problem: Sie konnten sich von ihrem Material nicht trennen. Spürbar ist, dass sie so viele Impressionen wie möglich unterbringen wollten. So bleiben haufenweise Bildschnipsel von zum Teil Sekundenlänge, die zwar stimmungsvoll sind und Kennern etwas sagen werden, denen aber jede Erklärung fehlt.

Einige Protagonisten wollten die Heinz-Schwestern hinter den Kulissen der Schau und quasi als städtische Normalos begleiten. Doch sie verlieren ihren Schreiner, ihren Architekten, ihre Taxifahrerin immer wieder aus den Augen, haben kein Konzept, was sie von denen wollen, viele der O-Töne sind schwach.

Selten gibt es jedoch auch geniale Momente: Wenn Restauratorin Julia Steves nachts Tacita Deans Kreidekunstwerk restauriert, darüber spricht, wie und bis zu welchem Maß sie Stellen nachzeichnet, die Besucher beschädigt haben: Das ist wirklich spannend. Doch wer Tacita Dean ist und was sie zeigen will, wüsste man trotzdem gern. Toll ist auch ein Gespräch über Todesstrafe zwischen der chinesischstämmigen Kunstvermittlerin Rui Yin und dem amerikanischen Künstler Sam Durant (der eine Galgenanlage gebaut hat), wo beide über die Situation in ihren Heimatländern sprechen. Da, wo es um Inhalte geht, also ironischerweise letztlich da, wo es um Kunst geht, entsteht echter Mehrwert.

Kinotour mit den Regisseurinnen: 11. Juli, Filmladen Kassel, 17. Juli, Thalia Frankenberg, 18. Juli, Capitol Witzenhausen.

Genre: Dokumentation

ohne Altersbeschränkung

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

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