Der kurze Moment im Paradies: Charles Gounods Oper „Roméo et Juliette“ in Kassel

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Flüchtiges Glück: Juliette (Bénédicte Tauran) und Roméo (Kyungho Kim).

Kassel. Für einen kurzen Moment ist es da – ein kleines Paradies für das berühmteste Liebespaar aller Zeiten: Romeo und Julia, oder „Roméo et Juliette“, wie Charles Gounods französische Oper heißt.

Regisseur Jim Lucassen lässt in seiner Kasseler Inszenierung die beiden ihre – einzige – Liebesnacht in einem Himmelbett erleben, das wie ein winziges Stück vom Garten Eden aussieht, mit grüner Blumenwiese und einem blühenden Baum als Baldachin (Bühne: Marc Weeger).

„O süße Nacht der Liebe“ singen Roméo und Juliette im vielleicht schönsten ihrer vier großen Duette, wobei ihre Stimmen sich umschlingen im Wechsel von oben und unten, so wie Kyungho Kim und und Bénédicte Tauran es im Bett mitvollziehen.

Gounod verleiht hier dem Zwiespalt zwischen Glücksempfinden und Sorge vor dem anbrechenden Tag (und damit vor der Zukunft) in einer fein changierenden Musik Ausdruck. Es sind solche Momente, in denen die lange Zeit von den Spielplänen verschwundene Oper, die erst in jüngerer Zeit wieder entdeckt wird, besonders bezaubert.

Stimmungen, Atmosphärisches, die Befindlichkeit der Protagonisten nimmt Gounod mit seiner in vielen zarten Farben schillernden Musik auf suggestive Weise auf, der Fokus liegt auf Roméo und Juliette, deren Gefühle von Glück und Verzweiflung nicht nur in den Duetten, sondern auch in großen Einzelszenen zum Ausdruck kommen.

Für den gesellschaftlichen Rahmen, die Festlichkeiten, die Kämpfe zwischen Tybalt, Mercutio und Roméo, mobilisiert Gounod zwar große Klangmassen, bleibt in seiner Dramatik aber konventionell. Auf die Versöhnung der Familien am Grab verzichtet das Libretto von Jules Barbier und Michel Carré ganz. Besonderes Gewicht bekommt dagegen die katholische Trauzeremonie.

Regisseur Lucassen verzichtet darauf, dieses Gefühlsdrama in irgendeiner Weise zuzuspitzen. Ein düsteres Kirchengemäuer, mal Innenraum, mal Außenfassade, bildet die Szenerie, die nur einmal durch das Mini-Paradies aufgebrochen wird. Die handelnden Personen tragen moderne Kleider, die mit Versatzstücken von Ritterrüstungen wie Brustpanzer und Beinschienen versehen sind (Kostüme: Gesine Völlm).

Verweis auf eine vergangene Zeit oder sichtbar gemachter Gefühlspanzer? Man weiß es nicht, weil die Zeitlosigkeit, mit der Lucassen spielt, letztlich Beliebigkeit ausstrahlt und Distanz zum Geschehen schafft. Die eindrucksvolle Eingangsszene, bei der der auf Gerüsten aufgereihte Chor die Tragödie kommentierend vorwegnimmt (toll gesungen von Opern- und Extrachor) bleibt ohne Fazit.

So wird die ganze Aufmerksamkeit auf die Protagonisten gelenkt. Bénédicte Tauran zeichnet Juliette als starke, selbstbewusste junge Frau. Intensiv und nuancenreich ist ihre Stimme bei nur gelegentlichen Schärfen. Zunehmend souverän nach anfänglicher Zurückhaltung verleiht Kyungho Kim dem jungen Roméo mit schlankem Tenor Ernsthaftigkeit und Gefühlstiefe.

Aus dem gut disponierten Sängerensemble ragten bei der ausverkauften Premiere Tobias Hächler als stürmisch-heldischer Tybalt, Hansung Yoo als stimmstarker Mercutio und Marta Herman als agiler Page Stéphane heraus.

Wie genial Gounod mit Orchesterfarben und -stimmungen spielt, führte das Staatsorchester unter der Leitung der Ersten Kapellmeisterin Anja Bihlmaier vor. Schwungvoll tänzerisch beim festlichen Beginn, duftig leicht, aber auch durchaus brachial in den Kampfszenen kam die Musik aus dem Graben. Am Ende der vom Deutschlandradio Kultur live übertragenen Premiere gab es herzlichen Applaus.

Wieder am 15., 18. und 23.4., Kartentel. 0561 / 1094-222. www.staatstheater-kassel.de

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