Früher Rockerin, jetzt ausdrucksstarke Chanteuse: Marianne Faithfull im ausverkauften Kulturzelt Kassel

Kurzes Erlebnis voll Melancholie

Genießt den Applaus: Marianne Faithfull im Kasseler Kulturzelt. Foto:  Malmus

Kassel. Obwohl Marianne Faithfull einige große Erfolge verbuchen konnte, stand sie in den 60er-Jahren als Musikerin im Schatten von Rocklegenden wie Mick Jagger, den Beatles oder Bob Dylan. Als Persönlichkeit, als glamourösestes Beat-Starlet Englands jedoch war die in London geborene Künstlerin ein Teil der Ära.

Am Sonntag gastierte die 65-Jährige mit dem britischen Gitarristen Doug Pettibone im ausverkauften Kasseler Kulturzelt. Ein wenig unsicher wirkt sie zunächst auf der Bühne. Verharrt vor ihrem Mikro, wie in einer Sicherheitszone, sagt zunächst lediglich die Titel ihrer Stücke an und sucht Halt darin. Die singt sie mit einer Stimme - rau, dunkel, melancholisch - die nicht von der Schönheit, sondern ihrer Persönlichkeit und den Brüchen in ihrem Leben geprägt ist. Die Stationen: Groupie-Ikone, Junkie, Krebspatientin, Schauspielerin und nun ausdruckstarke Chanteuse. Keine Entertainerin, aber eine berührende Persönlichkeit. Zum Einstieg gibt es herzschwere Lieder wie Dolly Partons „Down from Dover“ oder die Decemberists-Nummer „Crane Wife“. „Sie reitet auf der melancholischen Welle“, hört man eine Besucherin flüstern. Stimmt nicht ganz.

Sie schwimmt darin und ist stets davor, in ihrer Gefühlswelt kurz unterzugehen. Der erste Höhepunkt: „Broken English“, das Stück, das nach ihrer Drogensucht und der Trennung von Mick Jagger ihren ersten großen Comeback-Erfolg markierte. Der Applaus ist laut und Marianne Faithfull nun obenauf, nicht mehr nur versunken: „Ich habe gar nicht bemerkt, dass hier so viele Leute sind“, ruft sie aus, während sie zum Bühnenrand geht und ins Scheinwerferlicht blinzelt.

Eine Feststellung, die sie sichtlich glücklich und stolz macht. Die Ballade „Kimbie“ folgt, dann der nächste Höhepunkt: „The Ballad of Lucy Jordan“. Nun ist sie ganz in ihrem Element und schickt das Lied, mit dem ihre Karriere 1964 begann, gleich hinterher: die Mick Jagger/Keith Richards-Komposition „As Tears Go By“. Das Publikum applaudiert begeistert. Marianne Faithfull breitet die Arme aus und genießt lächelnd. Nach nur einer Stunde die vom Publikum ungläubig aufgenommene Ansage: „The last song.“ Ein kollektives „Ooochh“, schallt ihr entgegen. Sie verlässt die Bühne, lässt sich jedoch zurückklatschen und bedankt sich mit zwei Zugaben.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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