Mit einer überzeugenden „Möwe“ von Tschechow verabschiedet sich Volker Schmalöer als Oberspielleiter

Labyrinth der Träume und Trugbilder

Der Traum vom Ruhm und vom großen Glück: Nina (Alina Rank) bewundert den Schriftsteller Trigorin (Enrique Keil) - und verliebt sich in ihn. Foto: Ketz

Kassel. Alles könnte so leicht sein. Einmal stehen sie alle am Bühnenrand, wiegen sich zur sanften Lounge-Musik, tänzeln, lächeln versonnen. Alles könnte so schön sein.

Doch sie stehen sich und einander im Weg, die Menschen, die in Anton Tschechows Stück „Die Möwe“ auf einem Landgut den Sommer verbringen - wie ihnen die Möbel im Weg stehen, von denen im Verlauf von Volker Schmalöers Inszenierung am Kasseler Staatstheater immer mehr im Raum platziert werden (Bühne: Daniel Roskamp).

Überall ist es besser, wo wir nicht sind. Auf der anderen Seite des Sees, von wo die Musik herüberweht. In der Stadt. In Genua, wo der Arzt Dorn (Jürgen Wink) einst abendlich-munteres Treiben auf den Straßen erlebt hat. Auch früher, da war alles besser: Das Leben ist versäumt, die Zeit läuft davon.

Nina (Alina Rank) träumt vom Theater, würde gern mit dem erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Enrique Keil) tauschen, verliebt sich in ihn und serviert den Möchtegern-Dichter Kostja (Björn Bonn) ab. Der ringt vergeblich um Anerkennung seiner Mutter, der alternden Schauspieler-Diva Arkadina (Christina Rubruck), der die Felle wegschwimmen und die Trigorin zu verlieren fürchtet. Der klagt: „Ich finde keine Ruhe vor mir“ und will am liebsten, statt schreiben zu müssen, nur noch angeln.

Alle beneiden, nerven sich, überreizt sticheln sie. Rivalität, Geiz und Ehrgeiz brechen hervor im „Labyrinth der Träume und Trugbilder“. Regisseur Schmalöer findet einprägsame Bilder für den Jammer, der die Figuren befällt, für ihr Nichtzuhören, Aneinandervorbeireden, das Fürsichsein, Sichabfinden und für ein plötzliches, kurzes Aufbegehren, wenn Mutter und Sohn erst zärtlich sind, dann sich bekriegen, wenn der gleichmütige Trigorin auf einmal schreit und die duldende Frau des Verwalters eifersüchtig Blumen zerfetzt.

Nina, die anfangs so sommerlich-fröhliche Kleider trägt (Kostüme: Ulrike Obermüller) und nach Jahren in gedeckten Farben wieder auftaucht, desillusioniert, akzeptiert, dass sie in den „Mahlstrom des Lebens“ geraten ist. Kostja kann das nicht. Und er kann Nina nicht vergessen. Unmöglich, einen Platz zu finden in der Welt, die sich immer weiter dreht, wie sich die Bühne immerzu dreht.

Kümmert es die Kunst, wie es um die materiellen Bedingungen ihrer Produktion bestellt ist? Verwalter Schamrajew (Hans-Werner Leupelt) versagt den gelangweilten Städtern die Kutschpferde, die sie zum Bahnhof bringen könnten, sie werden auf dem Feld gebraucht. Aber ist nicht jede Regung der Künstler wichtiger als die Roggenernte? Auch vom Theater selbst handelt „Die Möwe“. „Ohne Theater geht es nicht“, sagt Sorin, Arkadinas Bruder.

Es ist eine feine Ironie, dass Schmalöer ausgerechnet mit diesem Stück von seiner Position als Kasseler Oberspielleiter Abschied nimmt. Und ja, ohne ein Theater, das uns in seinen Figuren und deren Sehnsucht nach Sinn und Liebe so nah ist, geht es nicht.

Am Ende, als jede Hoffnung erloschen, Kostjas Lebenslicht ausgelöscht ist, ein Moment beklommener Stille, dann kräftiger Beifall.

Wieder am 11., 14., 19., 23., 28. Mai, Karten: Tel. 0561/ 1094-222, www.staatstheater-kassel.de. Videos von beiden Aufführungen: www.hna.de/video

Von Mark-Christian von Busse

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