Claudia Sandner-v. Dehn über die Preisvergabe an Loriot (HNA vom 8. November 1985)

Preisvergabe an Loriot 1985: „Wir alle haben Knollennasen"

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Vor der Preisübergabe trug sich „Loriot” in das Goldene Buch der Stadt ein.

Kassel. Der erste Träger des „Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor", der am Mittwochabend von dem Stifterehepaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner sowie der Stadt als Rechtsträger verliehen wurde, ist an einen nicht nur prominenten, sondern auch erstrangigen Vertreter seines Genres gegangen: den Satiriker in Wort und Bild Bernhard Victor („Vicco") von Bülow, genannt „Loriot".

Einen zudem, der nicht nur Fernseh- und Theaterunterhaltung, witzige Cartoons und Animations-Figuren („Wum" oder die Knollennasenmännchen), der Bücher und Schallplatten die Fülle produziert, sondern der auch über sein Metier reflektiert, es gleichsam „von außen" zu sehen in der Lage ist.

Leicht melancholisch beklagt er im Gespräch, daß in Deutschland der Humor noch immer „über die Schulter angesehen" werde, daß Satiriker und Humoristen es schwerhaben, so ernstgenommen zu werden, wie sie es verdienten.

„Das liegt nicht daran, daß die Deutschen weniger Humor hätten als andere Völker, etwa die Angelsachsen, wo derlei weit mehr gepflegt wird. Aber diese Tradition ist hier nicht so fest verankert." Ob es jemals gelingen wird, da gleichzuziehen (seine umfassende Popularität spricht ja eigentlich dafür)? Nachdenklich, mit dem berühmten Loriotschen Schmunzeln im Augenwinkel: „Schon möglich. Aber es wird lange dauern."

Ein Schritt auf dem Wege

Ein Schritt auf diesem Wege, den er ausdrücklich begrüßt, „denn er zielt genau in diese Richtung", ist der neue, mit 15 000 Mark dotierte Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Er sei geeignet, Aufmerksamkeit auf diese literarische Form zu lenken, auch dazu, junge Autoren zu ermutigen.

Die politische Satire in der Tradition Heines, Tucholskys oder auch des Simplicissimus ist nach eigener Einschätzung seine Sache nicht: „Das lohnt sich nicht mehr. Seit dieser starke Druck der Obrigkeit verschwunden ist und das Volk regiert, sind diese Reibungsflächen verlorengegangen". Seine Themen liegen mehr im Menschlich-Allzumenschlichen, "und das ist unerschöpflich".

Den Kasseler Literaturpreis erhält Loriot (das Pseudonym ist das französische Wort für den „Spottvogel" Pirol, das Wappentier der Bülows, und also doppelt angemessen) in erster Linie für seine „Dramatischen Werke", seine im Fernsehen in unzähligen Sendungen in eigener Regie und Darstellung gespielten Kurzszenen, die die Nation zu Lachtränen - aber vielleicht hier und da auch zum Nachdenken provozierten. Gerade sind sie auch erstmals, in Aachen, im Theater von anderen Schauspielern dargestellt worden, wenn auch unter Loriots Regie: „Das war für mich eine wichtige Erfahrung, daß auch andere diese Szenen spielen können, daß sie das aushalten. Der erste Schritt zum .richtigen' Bühnenautor."

Die Verbindung zwischen Lachen und Denken beschwor denn auch in seiner Festrede der Gießener Philosophieprofessor Odo Marquard in geschliffenen Formulierungen. Seine kleine Philosophie des grotesken Humors („die Philosophie ist die Fortsetzung des Lachens unter Verwendung des Lachmuskels Gehirn") wurde zum theoretischen Überbau für das, was Loriot in erster Linie mit seiner Kunst bewirkt: Lachen als Erkenntnisvorgang.

Zuvor hatten der Kasseler Oberbürgermeister Hans Eichel („Der Preis ist ein Geschenk an die Stadt"), Christine Brückner für die Stifter („Der krisenfeste Autorenverband Kühner/Brückner identifiziert sich mit Kassel") und die hessische Wissenschaftsministerin Vera Rüdiger („Eine sinnvolle Ergänzung der bundesdeutschen Preislandschaft") die Schaffung und Verleihung des Kasseler Literaturpreises begründet. Symbol dafür ist eine Statue der Bildhauerin E.R. Nele - „die Siegesgöttin Nike als kleine Schwester des Kasseler Apolls", so Christine Brückner. Im nächsten Jahr soll der Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema verliehen werden. Was „grotesker Humor" sei, dazu trug der Geehrte dann noch seine eigene Formulierung bei: „Groteske Literatur ist so grotesk, weil sie sich so nah an die Wirklichkeit hält."

Daß für ihn auch die Wirklichkeit eines Festaktes zum Thema werden kann, daß er „die Kunst der witzigen Festrede fast unüberbietbar meisterhaft beherrscht" (Marquard) bewies Loriot anschließend - mit einer „Rede" zum 100. Jubiläum der Berliner Philharmoniker. „Wer humoristisch lacht, der sieht - just wie der, der denkt - mehr Wirklichkeit", so Marquard. Nach Loriots abgründig-komischer Rede wird es schwer sein, weiterhin „seriösen" Festrednern zu lauschen, ohne daß sich seine spitzbübische Miene vor das Gesicht des Redners schiebt

Persiflagen

Das Allgemein-Menschliche: in den dann folgenden Dialogen mit Partnerin Evelyn Hamann, darunter köstliche Alltagsszenen einer Ehe und Fernsen-Persiflagen, hier wird's Ereignis. Dieser spezifischen Art von liebenswürdigem, hintergründigem Witz kann man sich schwer entziehen. Um noch einmal mit Marquard zu sprechen: „"Wir alle haben Knollennasen".

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