Thomas Kapielski erhält Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

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documenta-Charakteristik von Thomas Kapielski: „Die Weltkunst implodiert alle Jahre zur Messe nach Kassel rüber.“

Kassel. Wenn am Samstag Thomas Kapielski mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet wird, dann wird diese Ehrung einem wahren komischen Universalisten zuteil. Kapielski ist Schriftsteller, Kunstkritiker Fotograf, Maler, Filmer (nicht Filmemacher!) und Musiker, das heißt Nasenflötist.

Kapielski sagt Sachen wie: „Wenn ich Euch euchen darf, geneigte Leser, dann dürft Ihr mich siezen, später angelegentlich sogar auch duzen. Dank Euch!“ Kapielski schaut der Sprache aufs Maul, dreht und wendet sie hin und her. Der 59-Jährige knetet und massiert Sinn und Unsinn so schön durch und zurecht, dass der Hintersinn einen großen Auftritt bekommt. Überall blitzt es auf, nie aber wird man geblendet, sondern stets erleuchtet vom vermeintlichen Blödsinn. Man lacht und sagt: Hach, das isses ja!

Wahrscheinlich hat Kapielski die kürzeste treffendste documenta-Charakteristik verfasst, die jemals einer Feder entfloss: „Die Weltkunst implodiert alle Jahre zur Messe nach Kassel rüber, um dort ihre dämonischen Einförmigkeiten auszuwickeln. Der ganze Schamott und Abklatsch, unfassbar gleichgeartet trotz aller verschiedenen Stile, Absichten, Muster füllt dann vornehm die gleichmütigen Säle, welche Pilger durchstreifen, ihre Huld darzubieten. Nunmehr, ab Kassel, sakrifizieren die Exponate und Artisten dann vollends zu wertcheckenden Zeigestücken des Erfolgs und Überschnapps. ‚So looft det!’“ Man muss das vielleicht zweimal lesen, dann sitzt es aber.

Dämonische Einfältigkeiten? Es müsste Kapielski einmal selbst Platz gemacht werden auf einer documenta. Kapielski malt zum Beispiel „Ölschinken“ (Schinken in Ölfarbe), oder er baut seltsame Readymades. So steckt er Bilderrahmen in diese bedruckten Stofftaschen, wie man sie beim Einkaufen bekommt. Das nennt er dann „Beutelkunst“. Kunst zum Mitnehmen. Früher gab’s keine Beutel, da war’s noch Beutekunst. Herrliche Kraft der Konsonanten - Kunst und Wortspiel wird Wortspielkunst.

Und Kapielski fotografiert was das Zeug hält. Tausende Dias sollen sich in seiner Berliner Wohnung stapeln. Nach Werkgruppen geordnet: Häuser mit Löchern etwa, Laden-Filialen, Reisebüros in Baracken und Häuschen, Lampen jeder Art und Unart. Die Kamera ist billig und einfachst, das Motiv immer in der Mitte, wie es sich gehört. Jedes einzelne dieser Fotos wäre gut für den Papierkorb. Alle zusammen sind Monumente der Abscheulichkeit, die in den angedeuteten Interieurs eine grausame Existenz fristen und zeigen, zu was der Mensch an sich in der Lage ist.

Keine Menschen-Fotos

Deswegen fotografiert Kapielski auch keine Menschen. Es reicht, deren Kreationen abzulichten, erscheint doch der Mensch in seiner armseligen Existenz in Abwesenheit quasi nackt vor uns. Das wird besonders schön deutlich bei der famosen Lampen-Serie, die im Rathaus bis 25. März gezeigt wird. „Maskierung, Torheit und Täuschung sind der Künste Tugenden“, sagt Kapielski. Dämonische Einfältigkeiten - umso besser, wenn sich daraus Erkenntnisgewinne ziehen lassen und alles in Gelächter mündet.

Die Preisverleihung beginnt am Samstag, 26.2., um 18 Uhr im Kasseler Rathaus.

Die Verleihung des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor ist Auftakt des Komik-Kolloquiums.

27. 2., 11 Uhr, Bali-Kino: Eckhard Henscheid

28. 2., 20 Uhr, Gleis 1: Harry Rowohlt & Christian Maintz

1. 3., 20 Uhr, Kunsttempel, Fr.-Ebert-Str. 3durch3 mit Friedrich Achleitner, Anton Bruhin, Ulrich Schlotmann

2. 3., 20 Uhr, Gleis 1: Maren Kroymann

3. 3., 20 Uhr, Caricatura: Rock ’n’ Roll Fever mit Franz Dobler

4. 3., 20 Uhr, Kunsttempel: Arno-Schmidt-Abend

5. 3., 19 Uhr, Kulturzentrum Schlachthof: Lange Lesenacht mit Rebekka Kricheldorf, Anselm Neft, Jochen Schmidt, Philipp Tingler, Ella Carina Werner

2. bis 4. 3., Kulturbahnhof: Tagung „Kunst oder Komik?“

26. 2. bis 25. 3., Rathaus: Ausstellung Thomas Kapielski: „Lampen“

Informationen unter www.12-stunden-bis-zur-ewigkeit.de

Literaturpreis für grotesken Humor

Seit 1985 verleiht die Stiftung Brückner-Kühner mit der Stadt Kassel jährlich den mit 10 000 Euro dotierten Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, um Schriftsteller zu würdigen, deren „Werk vom Grotesk-Komischen auf hohem künstlerischen Niveau geprägt ist“. Der Preis wurde bisher u.a. an Loriot (1985), Robert Gernhardt (1991) und Herbert Achternbuch (2010) verliehen.

Förderpreis Komische Literatur

Seit 2004 vergibt die Stiftung Brückner-Kühner zudem den Förderpreis Komische Literatur für Autoren unter 40. Der Dramatiker, Schauspieler und Regisseur Jan Neumann erhält dieses Jahr den mit 3000 Euro dotierten Preis.

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