Das Györ Ballett zeigte im Opernhaus seine Hommage à Chaplin „Keep Smiling“

Lächeln auch im Unglück

Plädoyer für Menschlichkeit: Szene aus dem Charlie Chaplin gewidmeten Tanzabend des Györ Balletts. Foto: Herzog

Kassel. Charlie Chaplin war kein Tänzer. Aber die Subtilität und Fantasie, mit der er, zunächst noch im Stummfilm, die Pantomime handhabte, ist bis heute unvergessen und war wohl auch der Anlass für das ungarische Györ Ballett, ihm eine abendfüllende Hommage zu widmen, die am Freitagabend im Kasseler Opernhaus zu sehen war.

Der belgische Choreograf Ben van Cauwenbergh (bei uns bekannt als Wiesbadener Ballettdirektor von 1992 bis 2007) zeichnete ein umfassendes Porträt dieser Symbolfigur des Tramps und weisen Clowns, der zwischen Komik und melancholisch gefärbter Tragik die Balance halten kann und - mit seinem späteren Film „Der große Diktator“ - zum Warner vor politischen Fehlentwicklungen und zum Kämpfer für Humanität und eine bessere Welt wird.

Die große Show läuft im ständigen Bühnen-Dialog zwischen den Tänzern und auf die Leinwand projizierten Filmausschnitten. Was veraltet oder nur noch kurios hätte erscheinen können, wird auf diese Weise sehr gegenwärtig - auch in seinen kritischen gesellschaftlichen Bezügen. Im ersten Teil stand das Anekdotische im Vordergrund, kleine amüsante, traurige oder heitere Szenen aus dem Leben des ständigen tollpatschigen Verlierers und unglücklich Verliebten, wechselnd mit Tanzeinlagen nach Musik der 30er-Jahre. Spazierstock, weite Hosen und riesige Schuhe, Melone und Bärtchen - die optischen Erkennungsmerkmale des liebenswerten Naiven, der gutgläubig durch die Welt stolpert und dessen Handlungen voller Poesie sind, konnten sich in manchen Szenen verselbstständigen und vervielfältigen.

Die allmähliche Verdüsterung dieser Welt, verdeutlicht an den Filmen „Der Vagabund“, „Lichter der Großstadt“ und „Der große Diktator“, führte zum dramatischen Höhepunkt, dem großen Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz, das dem mit dem Walkürenritt unterlegten bedrohlichen „Diktator“-Auftritt mit der platzenden Weltkugel folgte und in seiner Intensität unmittelbar und glaubwürdig wirkte.

Professionell, rhythmisch präzise und mit großer Leichtigkeit ging diese Schau über die Bühne. Revue, Show, glitzernde Kostüme kamen (nicht ganz kitschfrei: die Amoretten) zu ihrem Recht, aber es waren vor allem die leisen Töne, die beeindruckten. Viel Beifall für die 40 Mitwirkenden, Bravorufe, Pfiffe und eine Zugabe für einen herausragenden Tanzabend.

Von Claudia v. Dehn

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