Patrick Schlösser inszeniert am Kasseler Staatstheater

Musical „Cabaret“: Glamourös und anrührend

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Der Abschied vom alten Leben: Sebastian Klein (Conférencier) vorn sitzend, während Ryan Mason (hinten von links), Rémi Benard, Viktor I. Usov und Annamari Keskinen (Kit-Kat-Club-Tänzer) mit Eva-Maria Keller (Fräulein Schneider), Horst Lateika (Herr Schultz), Peter Elter (Max) und Eva Maria Sommersberg (Fräulein Kost) zum Schluss gemeinsam von der Bühne tanzen.

Kassel. Beim Lächeln muss Sebastian Klein seinen Mund nur minimal breiter ziehen, und schon verwandelt sich das schelmische Grinsen in ein dämonisches Zähnefletschen. Das geht übergangslos bei diesem Conférencier, der im Kasseler Schauspielhaus begrüßt zum Musical „Cabaret“ von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff.

Und so, wie bei ihm das Harmlose ins Gefährliche abgleitet, geht es auch der Welt in diesem Stück. „Willkommen, bienvenue, welcome“, singt Klein und schickt hochvoltige Blick-Blitze unter seinem schweren Lidschatten in den Saal. Die noch leere Bühne wird sich gleich in den Kit-Kat-Club verwandeln.

Aufmasch der Nazis

Dieser Nachtclub ist ein Tempel des Verdrängens, dass sich 1929 in Berlin neue politische Kräfte zusammenrotten. Die mit der Hakenkreuzarmbinde. Mit übertrieben deutschem Akzent zählt er „Wonn, tuuu, sssrie“, und die Revuegirls und -boys Annamari Keskinen, Rémi Benard, Ryan Mason und Viktor I. Usov tanzen und lösen Geschlechtergrenzen auf. Als sexy Zwitterwesen mit Silberpumps schleichen sie sich lasziv in die Träume der Clubbesucher (Choreografie: Johannes Wieland). Und ihre Kostüme (Werner Fritz) werden immer pompöser, je mehr es bergab geht.

Patrick Schlösser betont in seiner präzise und liebevoll durchgearbeiteten Regie die politische Grundierung des Stoffs, zeigt, wie alle Figuren die Veränderungen der toleranten Stadt durch die Nazis nicht wahrhaben wollen, und die Augen verschließen oder sich anbiedern. Und wenn die patriotische Hymne „Der morgige Tag“ geschmettert wird, ertappt man sich im Parkett dabei, selbst ergriffen zu sein. Und erschrickt, wenn dazu das Hakenkreuz entrollt wird. Wer ist nicht verführbar? Dagegen kommt der Kit-Kat-Club mit all den Federpuscheln und Glitzer-Miedern nicht an.

Nachdenklich: Dieter Bach (Clifford Bradshaw) und Agnes Mann (Sally Bowles) steht als Liebespaar vor Herausforderungen.

Aber vielleicht sein Star, Sally Bowles? Es ist ein Erlebnis, Agnes Mann in dieser Rolle zu hören und zu sehen. Dunkle Power in der Stimme, Grandezza und Verletzlichkeit fein ausbalanciert. Für ihren ersten fulminanten Auftritt mit „Mein Herr“ im Hosenanzug wechselt die Perspektive: Erst sieht das Publikum sie und die Tänzer von hinten, wie heimlich hinter der Kit-Kat-Bühne, dann dreht sich die Szenerie und wir erleben die Nummer von vorn (Bühne: Etienne Pluss). Ein schönes Spiel mit Intimität.

Weiterer gesanglicher Höhepunkt ist Sallys „Maybe“, ganz zurückgenommen gesungen. Vielleicht klappt es diesmal mit dem Glück - ein Durchhaltelied zur jazzigen Begleitung der exzellenten fünfköpfigen Band, die unter Leitung von Wolfgang Siuda schmissig, emotional, glamourös und auch mal wie eine schräge Tanzkapelle spielt.

Etwa beim Song „Heirat“, den Eva-Maria Keller und Horst Lateika als älteres Liebespaar Fräulein Schneider und Herr Schultz singen. Beide lassen ihre Figuren von Einsamkeit umgeben sein, auch wenn der Obsthändler und die Vermieterin ein (viel zu) kurzes Glück erleben.

In Fräulein Schneiders Wohnung schlüpft Sally Bowles unter - bei Clifford (bei Dieter Bach ein recht sachlicher Typ), mit dem sie ein pragmatisches, aber dann plötzlich auch amouröses Verhältnis beginnt.

Das zur Premiere heftig beklatschte Stück wechselt zwischen Club und Wohnung, Sprechen und Singen, wobei die nicht speziell fürs Musical ausgebildeten Darsteller eine gute Figur abgeben. Auch Enrique Keil als freundlicher Nazi Ernst, Eva Maria Sommersberg als naives Fräulein Kost und Peter Elter als Clubbesitzer Max, der das politische Klima für seine eigene gewalttätige Perversion ausnutzt. Auch eine Gänsehautszene, bei der Viktor I. Usov als Revuegirl Helga nicht nur die umgeschnallten Brüste, sondern auch die körperliche Unversehrtheit verliert.

Wieder am 2., 5., 6.10., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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