José Saramagos „Die Reise des Elefanten“

Das Lächerliche an der Macht

José Saramago Foto: 

Schenken war schon immer eine heikle Angelegenheit. Unwürdig erscheint König Johann III. von Portugal im Nachhinein sein Hochzeitsgeschenk an seinen Vetter Maximilian von Österreich. Und da dieser im Sommer 1551 als spanischer Regent in Valladolid weilt, sieht Portugals König eine Chance, den Faux-pas auszumerzen. Damit beginnt die wunderliche und lange Reise des Elefanten von Portugal nach Wien, die José Saramago in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch unter eben diesem Titel beschreibt.

Der kürzlich gestorbene portugiesische Literaturnobelpreisträger nimmt wie auch in seinem berühmten Roman „Das Memorial“ ein geschichtlich verbrieftes Ereignis zum Anlass für eine große Abrechnung. Wie immer geht er dabei hart ins Gericht mit der katholischen Kirche, die - um ihre Gläubigen bei der Stange zu halten - Wunder organisiert wie den dressierten Kniefall des Elefanten vor der Basilika in Padua. Luthers Thesenanschlag liegt gerade 30 Jahre zurück, und der Protestantismus findet nicht nur bei Erzherzog Maximilian Gehör. So braucht es das Wunder, denn die Öffentlichkeit, lässt der Autor seine Leser wissen, beschwöre gern Großes.

Saramago, der tabulose Kämpfer für Gerechtigkeit, kommentiert diese Anekdote, die er zufällig in der Salzburger Gaststätte „Der Elefant” erfuhr, gewohnt scharfzüngig aus neuer Perspektive. Geschichte wird umgeschrieben: Der kleine Mann blickt auf die Obrigkeit und entlarvt sie in ihrem lächerlichen Machtgehabe. So rät der Sekretär König Johann, „als poetischen Akt“ dem Elefanten vor der Abreise einen Besuch abzustatten. Aber der König versteht nichts von „poetischen Akten“, staunt nur angewidert über den dreckigen Stall und mault, weil er den indischen Pfleger Subhro nicht längst in Joaquim umgetauft hat.

„Die Reise des Elefanten“ ist kein Vermächtnis. Saramago schrieb den Roman bereits vor zwei Jahren, als er seine Krankheit zu besiegen schien, doch steckt in dieser kurzweiligen Geschichte alles, was Saramago auszeichnet: sein scharfsinniger Blick auf Kirche, Staat, Geschichte und Sprache. Am Ende scheint sogar der Herrscher die Welt zu begreifen, als Maximilian sich bei Subhro, der jetzt Fritz heißen muss, bedankt: „Wenn alle Leute tun würden, was sie können, wäre die Welt mit Sicherheit besser”. Auch ein schöner Satz ist ein Geschenk.

José Saramago, Die Reise des Elefanten, Hoffmann und Campe, 236 S., 19,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Christine Lang

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