Badly Drawn Boy: Diskrete Ohrwürmer auf dem Album „It’s What I’m Thinking Pt. 1“

Landschaften aus Pulverschnee

Er ist der Badly Drawn Boy: Damon Gough - stets mit Wollmütze. Foto:  nh

Natürlich trägt Damon Gough, der Badly Drawn Boy, auf dem Cover seines fünften Albums die obligatorische Wollmütze. Bemerkenswerter ist deshalb der Blick seiner Augen zwischen tiefster Traurigkeit, leichter Melancholie und absoluter Leere.

Doch keine Sorge, es handelt sich um Coverkunst - kaum zur Küchen-Psychopathologie geeignet. Ihren Zweck hat sie freilich erfüllt, denn dieses sich im Zentrum einer Collage befindliche Bild unseres Manchester-„Boys“ passt gut zur Musik und zu den Texten.

„It’s What I’m Thinking Pt. 1 - Photographing Snowflakes“, so der Name dieses ersten Teils einer Trilogie, ist ein sanft schwebender, bald schon ätherischer Neuanfang. Und eine Rückbesinnung an den Anfang selbst, als der Badly Drawn Boy sich noch nicht rumschlagen musste mit den Managern einer großer Plattenfirma. Was irgendwann zulasten seiner Kreativität gehen sollte. „Born In The UK“, das letzte Album aus dem Jahr 2005, kann man vergessen. Es reicht nicht im Mindesten heran an das faszinierend knuffige Folk-Pop-Debüt „The Hour Of The Bewilderbeast“, für das es im Jahr 2000 den Mercury Award gab.

Knapp zwei Jahre später erschien der feine Soundtrack zu Nick Hornbys Film „About A Boy“. Danach war Damon Gough berühmt. Kritikerlob, Phasen der Stagnation, Aufschwünge, Rückschläge und jede Menge Ärger gaben anschließend einander die Hand. Eine typische Popgeschichte. Und am Ende war der Künstler leer und ausgebrannt.

Damon Gough hat sich berappelt und ein eigenes Label gegründet; es heißt Twisted Nerve. Er sagt, er habe eine ungeheure Fülle an Liedern und Ideen in sich. Er will diese Fülle keinesfalls beschneiden, daher die Trilogie. Der Titel des ersten Teils, „Photographing Snowflakes“, steht für „jene Momente und Lieder, die aus dem Nichts kommen“. Es gilt, sie festzuhalten, „bevor sie wieder dorthin verschwinden“. Schneeflocken fotografieren - wie wahr.

In den neuen Stücken besingt der Badly Drawn Boy traurige Abschiede und friedvolle Neuanfänge. Es sind Texte der Introspektion: Der Blick geht nach innen, sucht vorsichtig nach individuellen Wahrheiten; ihr Erzähler steht Veränderungen offen gegenüber. Im musikalischen Zentrum stehen die akustische Gitarre, ein gedämpftes Schlagzeug, dezente elektronische Untermalung und Damon Goughs halb geflüsterter melodiegebender Gesang. Der starke Hall, der ihm unterlegt wurde, macht die Räume weit. Diskrete Ohrwürmer hat Damon Gough hier aufgenommen, fortwährend pendelnd zwischen Trost und einer Form von Einsamkeit, die ihren Frieden mit sich selbst gemacht hat. Es sind Songs wie Meditationen zu Pulverschneelandschaften. Eine ungeheure Ruhe hält sie zusammen. Dennoch: Ein kleiner Windstoß, und sie sind fort, für immer.

Badly Drawn Boy: It’s What I’m Thinking Pt. 1. (Photographing Snowflakes) Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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