Das lange Lebewohl des Grafen:

Nach ausgiebiger Abschiedstour gibt es das angeblich letzte Album von Unheilig

Will mehr Zeit für die Familie: Mit schwarzem Gehrock, eckigem Bart an den Kinnseiten und Glatze, so kennt man den Unheilig-Sänger. Foto: dpa

Ein neues Album von Unheilig? Diese Ankündigung kam überraschend. Eigentlich hatte der Graf, wie sich der Sänger nennt, Lebewohl gesagt - spielte anderthalb Jahre Abschiedskonzerte und es gab im September ein finales Konzert mit Tränen in den Augen.

Offenbar sind Trennungen aber nicht seine Stärke: Jetzt gibt es mit „Von Mensch zu Mensch“ noch eine aller-allerletzte Platte.

Er sei seinen Fans so dankbar für all die schönen Erinnerungen. Deshalb wolle er sich statt mit Worten mit seiner Sprache - der Musik - verabschieden. Das schrieb der Sänger in einem offenen Brief. Somit steht der (zumindest für Fans) herzerwärmende Grund für die Studioproduktion mit 16 Songs fest. Alle anderen könnten es da mit den Liedzeilen des durchaus selbstkritischen Stücks „Egoist“ halten: „Du bist mein Egoist, der in mir lebt und sich am nächsten ist... deine Stimme schenkt mir Träume, der schnöde Mammon ist dein Lohn.“ Der Verkaufsstart wurde in das Weihnachtsgeschäft gelegt.

Musikalische und textliche Überraschungen gibt es nicht. Der Graf, der mit Vornamen Bernd heißen soll, etwa 47 Jahre alt ist und von dem man sonst kaum mehr weiß, hat sich nicht neu erfunden. Deshalb wird er am Ende wieder Hits landen. Vielversprechend: das sehnsuchtsvolle „Mein Leben ist Freiheit“. Auch sonst gibt es den typischen Unheilig-Sound, den man aus dem 2010er-Hit mit Schlagertendenz „Geboren um zu leben“ kennt. Es folgten zahlreiche Preise, millionenfach verkaufte Tonträger.

Auch jetzt ist der Graf in pathetisch-sentimentaler Hochform. Es geht um Einsamkeit („Heimatlos“) um Freundschaft („Legenden“), Trennungen („Krieger“) und ums Abschiednehmen („Ich würd´ dich gern besuchen“). Und natürlich um das Ende seiner Laufbahn („Ein letztes Lied“). Zu den Popballaden passt die dunkle, knarzige Stimme ebenso gut wie zu den krachenden Düsterstücken, die wie ein Schlager-Rammstein-Potpourri klingen. Sie gibt Nachdruck, Tiefe und Halt.

„Wie weit willst du gehen?“, fragt er in „Funkenschlag“ all jene, die im Internet Hasskommentare streuen, deren Funken Feuer entfachen. „Wenn du verbrennst, was andere lieben, nur weil du selber keine Träume mehr hast.“ Das klingt wie seine ganz persönliche Abrechnung. Im Netz wurde der Graf heftig kritisiert - zunächst, als der aus Aachen stammende Musiker der Gothic-Szene den Rücken kehrte. Nun für sein unendlich erscheinendes Lebewohl. Vielleicht sollte man den Grafen so nehmen, wie es im titelgebenden Song heißt: „Nimm mich als Mensch, so wie ich bin.“ Denn hören wird man von ihm, er will jetzt für andere Künstler Lieder schreiben.

Der Gedanke an eine neue Konzerttour von Unheilig - scheinheilig, aber nicht unmöglich. Wird die Platte gut gekauft, könnte er den Fans wieder so dankbar sein: Dann wäre „Von Mensch zu Mensch“ das letzte Album vor einem Comeback.

Unheilig: Von Mensch zu Mensch (Vertigo/Universal Music) Wertung: Drei von fünf Sternen

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