Mit „Bekenntnisse“ gastierte die Sängerin Nina Hagen in der Christuskirche

Ihr langer Weg zu Gott

Demütig und aufgehoben im Glauben: Nina Hagen in der Christuskirche. Foto: Koch

Kassel. So füllt man Kirchen. Nina Hagen, im knallbunten Minikleid mit dem Rücken zum Publikum im Altarraum stehend, schlägt ein Kreuz und hebt danach beide Arme grüßend zum Himmel.

In der überfüllten Christuskirche will der Beifall nicht enden, Standing Ovations, dann kommt sie nochmal zur Zugabe raus, setzt sich auf den Hocker, nimmt ihre Gitarre und singt „Sometimes I feel like a motherless Child“. Der Weg zu Gott war lang, doch jetzt will sie „das Himmelreich auf Erden errichten“.

Die Bekenntnisse der Nina Hagen. Mit ihren Memoiren, gelesen und gesungen, tourt die 55-jährige wiedergeborene Christin durch Deutschland. Erzählt von ihrer immerwährenden Suche, und jedes Konzert Hagens, die sich 2009 taufen ließ, wird ein Gottesdienst. Einer, der das Publikum mitreißt, es anrührt, still macht, aber auch lachen lässt. Eigentlich will sie lesen, doch dann blättert sie nur, sucht Stellen und fängt an zu erzählen. Mit Schnodderschnauze und kieksig-rauchiger Stimme.

Die provokante, stets rückhaltlos authentische Ausnahmekünstlerin mit dem Punk-Image taucht tief ein in Kindheit und Jugend in der DDR. Mit den ersten Episoden ist man mittendrin in ihrem bewegten Leben, erfährt von ihrem Vater Hans Oliver Hagen, der als „Vierteljude“ knapp der Hinrichtung entging, hört von Wolf Biermann und der Mutter Eva-Maria Hagen, die intellektuelle Bardot der DDR. Das kleine Ninchen durfte nicht Mutter sagen und wurde immer mal wieder „abgestellt“. In dieser Zeit, sagt sie leise, sei die Verlassenheit zu ihr gekommen, „langsam kriechend, sich wie ein leises Gift in mir ausbreitend“. Die rotzfreche Göre, eine notorisch Ungeborgene?

Kokain-Missbrauch, LSD-Trip mit Nahtoderfahrung und Aschram - Ninas Welt war wild und gefährlich, doch sie hat es überlebt. Zuletzt, sagt sie und zappelt auf ihrem Stuhl, „gab es nur zwei Lehrmeister für mich, den lieben Gott und das Leben“.

Die Bekenntnisse der Nina Hagen, alles nur Pose? Nein, man nimmt ihr auch die demütigen Töne ab. Hagen hat gefunden, was sie gesucht hat, Liebe und Aufgehobensein im Glauben. Ihre Stimme passt auch wunderbar zu Spirituals und Gospelsongs. So, als hätte auch die Stimme darauf gewartet anzukommen.

Nina Hagen. Bekenntnisse. Pattloch, 280 S., 19,90 Euro

Ein Video zum Kasseler Auftritt Nina Hagens sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Juliane Sattler

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