Kulturzelt: Johanna Borchert, Vincent Peirani und Emile Parisien sowie das Omer Klein Trio gastierten an der Drahtbrücke

Langeweile hier, erfrischende Vielseitigkeit da

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Ein Abend, drei Auftritte: Johanna Borchert (von links), Vincent Peirani und Omer Klein.

Kassel. Zur Zugabe kommt Johanna Borchert nochmals auf die Bühne des Kulturzelts und kündigt ein beruhigendes Schlaflied an. Putzig! Es musste niemand ernsthaft beruhigt werden, waren doch die 40 Minuten zuvor bereits zum Einschlafen.

Mit Klanggefrickel aus den Klavier-Innereien war es losgegangen, im Hintergrund Vogelgezwitscher vom Band. Vielleicht eine Anspielung auf John Cage, der im Ankündigungstext als Referenz genannt wird.

So geht es durchwachsen weiter: Borchert drischt minimalistisch auf die Tasten ein und singt beherzt dazu. Es schwillt pathetisch an und ab. Nächstes Stück. Eins hat den lustigen Titel „We Are All Funny Fucking Freaks“. Aber das war schon der Scherz. Es fehlen Emotionen und Seele. Borcherts Musik berührt nicht, sie wirkt, als wäre sie auf dem Reißbrett entworfen. Auch Lichteffekte und bunte Projektionen auf dem Klavierdeckel vermögen nicht zur musikalischen Rettung beizutragen.

Danach konnte nur Steigerung sein. Die kam prompt mit dem Sopransaxofonisten Vincent Peirani und Emile Parisien am Akkordeon. Eine sehr ungewöhnliche Duo-Besetzung. Auch wenn die beiden in ihrem Heimatland Frankreich mit dem „Prix Django Reinhardt“ geehrt wurden: Mit dem Gypsy-Swing des großen Gitarristen hat ihre Musik, die diverse Einflüsse verarbeitet, wenig zu tun. Eher mit Sidney Bechet, dem aus New Orleans nach Paris gezogenen Sopransaxofonisten, von dem sie zwei Stücke interpretieren - unerhört neu intelligent und raffiniert.

Große Einfühlung, Rasanz, Erfindungsreichtum und Originalität zeichnen das Duo aus. Am Ende reißt’s das Publikum von den Stühlen. Fast hätte es keine Zugabe gegeben. Die Crew hatte in Windeseile Mikrofone und Verstärker abgebaut. Kurze Verwirrung – sie spielen einfach unverstärkt. Großartig!

Dann das israelische Omer Klein Trio: Pianist Omer Klein betritt die Bühne mit gelber Lederjacke und fragt, bevor er sie nach zwei Stücken ablegt, ob sie auch wirklich jeder gesehen habe. Der Mann hat Humor! Begleitet wird er von Haggai Cohen-Milo am Bass und Amir Bresler am Schlagzeug.

Besonders Letzterer erweist sich mit seinem diffizilen Spiel als zweites Kraftwerk der Band. Die Melodien sind einfach, die Improvisationen originell, die Rhythmen bisweilen vertrackt und höchst abwechslungsreich. In diesen 40 Minuten zeigt das Trio seine ganze erfrischende Vielseitigkeit. Auch hier eine Zugabe.

Von Andreas Gebhardt

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