Christoph Marthalers statischer „Tristan“ in Bayreuth

Langsames Verglühen

Meeresstille und glückliche Fahrt: Robert Dean Smith (Tristan) und Iréne Theorin (Isolde). Foto: Bayreuther Festspiele/nh

Bayreuth. Die Liebe ist ein flackerndes Neonlicht. Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“, Veteran unter den Bayreuther Festspiel-Produktionen in der Inszenierung von Christoph Marthaler, behauptete sich auch im siebten Jahr auf dem Grünen Hügel. Am Freitagabend gab es viel Zustimmung für das süffige, spannungsreiche Dirigat von Peter Schneider sowie für die Sängerleistungen in Wagners Kammerspiel des Begehrens.

Robert Dean Smith mobilisiert als Tristan für die Sterbeszene seinen ganzen Stimmreichtum von erotischem Strahlen zu schwerelosem Piano. Iréne Theorin (Isolde) überzeugt stimmlich wie darstellerisch als Frau, die in ihr vergiftetes Liebesschicksal hineinwächst - mit Power bis in die Höhe, aber kaum textverständlich. Stimmliche Highlights sind Robert Holls lyrische Innigkeit als König Marke und die ebenso durchsetzungsstarke wie klangschöne Brangäne von Michelle Breedt.

Musikalisch behauptet sich die Produktion zwar, ihre inszenatorischen Schwächen bleiben aber ebenso sichtbar. Und das bedeutet viereinviertel Stunden optische Langeweile. Marthaler, der Spezialist für Reduktion, baut Personentableaus mit stilisierten Auf- und Abgängen. Er entkleidet das Liebesverlangen, schält alle Emotionalität ab und konzentriert seinen Blick auf das letzte Verglimmen zweier Leben, zweier Lieben. Dabei zeigt das prägnanteste inszenatorische Element – das Flackern der Neonbeleuchtung, das An- und Ausknipsen des Lichts per Schalter –, dass hier nicht der überwältigende Zauber der Liebe, sondern das Verglühen in ihrem Kraftfeld im Zentrum steht. Und wenn Isolde im zweiten Aufzug wiederholt mit dem Zeigefinger in Richtung flackernde Lichtringe pikst, wird der Gedanke überdeutlich ausformuliert. Ganz oft stehen die Liebenden aber einfach singend da oder sitzen auf einem Wartesaal-Hocker in Anna Viebrocks abgewetztem Passagierdampfer-Ambiente - und es bewegt sich nichts.

Dazu passt, dass sich die per Liebesdroge Begehrenden kaum je berühren - dass Tristan im Liebesduett Isolde den Handschuh abstreift, ist das Äußerste an sinnlicher Annäherung. Wenn danach König Marke auftritt und Isoldes Kostümjacke glattstreift, um seinen Anspruch auf die Braut deutlich zu machen, geht das Regieprinzip der stilisierten kleinen Gesten aber durchaus auf.

Im kommenden Jahr wird die Marthalersche Liebes-Lesart das letzte Mal in Bayreuth zu sehen sein.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.