Laszive Posen und Getöse: Wojtek Klemm inszeniert am Deutschen Theater „Penthesilea“ mit Comic-Kriegern

Kämpfen vor den Toren Trojas gegeneinander: Penthesilea (Eve Kolb, von links), Achill (Meinolf Steiner), Prothoe (Johanna Diekmeyer), Ulysses (Paul Enke), Meroe (Paula Hans). Foto: deutsches theater/nh

Göttingen. Drei Amazonen in hautenger Kleidung und mit mörderisch hohen High-Heels, die lasziv die Beine spreizen. Ihnen gegenüber Krieger in schwarz gepolsterter Bauchfrei-Montur, die einer Kiste voll Barbie-Puppen genüsslich den Kopf abbeißen:

Regisseur Wojtek Klemm lässt in Kleists „Penthesilea“ am Deutschen Theater in Göttingen an Comicfiguren erinnernde, überdrehte Krieger mit viel Getöse aufeinander los.

In Klemms Inszenierung bleibt nur wenig von der poetischen Sprache Heinrich von Kleists übrig. Unterhaltsam wirkt die Geschichte über ein Liebespaar, das in Konflikt mit der Gesellschaft gerät, weil es die geltende Ordnung durchbricht, aber allemal. Während die Griechen Troja belagern, erscheint die von Eve Kolb lustvoll-zickig verkörperte Penthesilea. Sie ist die Königin der Amazonen und nimmt mit ihren Mitstreiterinnen, der Furie Prothoe (stark: Johanna Dieckmeyer) und der hinreißenden Meroe (Paula Hans) den Kampf gegen das männliche Geschlecht auf.

Bis Penthesilea und der machohafte, selbstbewusste Heeresführer (Meinolf Steiner) sich ineinander verlieben. Ihr Werben um den jeweils Anderen gerät zu einem witzigen Wechselspiel zwischen fast unerträglich lauten und gespenstisch leisen Szenen.

Vor einer Festung (Bühne und Kostüme: Mascha Mazur), über der spiegelverkehrt in großen Lettern „Giganten“ prangt und schwarz-weiße Videoprojektionen hinter die Mauern blicken lassen, prallen Amazonen und Krieger im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander.

Zu wummernden Bässen schmeißen sich Männer wie Frauen gegenseitig an die laut scheppernden Festungswände und brüllen unverständlich auf das Publikum ein.

Grotesk mutet es an, als Achill liebestoll an das Mikrofon tritt, um ein Liedchen zu trällern, Rosenblätter um sich werfend. „Darf ich mal anfassen?“, fragt er, wenn er versucht, seiner Auserwählten näher zu kommen. Seine Krieger werden zu Hofnarren degradiert („Krass, Alter“), die hektisch mit Kreide Schlachtpläne an die Wände kritzeln.

Penthesilea wiederum zeigt erotische Posen („guck doch mal“). Sie widersetzt sich damit dem Gesetz, nach dem Amazonen Männer lediglich besiegen und zum Erhalt ihres Frauenstaates entführen dürfen.

In der schrillen, eindreiviertel Stunden dauernden Fassung Klemms wird das Ende radikal gestrafft, der Selbstmord Penthesileas und die Tötung Achills nicht sichtbar vollzogen. Kräftiger Applaus, aber auch Kopfschütteln auf nicht ganz ausverkauften Rängen.

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