Ausstellung „Kinder. Darstellungen um 1900“ ist bis Ende Januar im Sprengel-Museum in Hannover zu sehen

Lausbuben und Prinzessinnen

Käthe Kollwitz’ „Schlafendes Kind“: Kinder-Darstellungen von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg sind noch bis zum 23. Januar 2011 im Sprengel Museum Hannover zu sehen. Fotos:  Michael Herling / Aline Gwose

Hannover. Der künstlerische Blick auf Kinder ist Thema einer Ausstellung im Sprengel Museum Hannover. Aufgeboten sind rund 100 Grafiken aus dem Kaiserreich und der frühen Weimarer Republik. Zu ihnen gesellen sich einige Gemälde von Paula Modersohn-Becker und August Macke sowie Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck und George Minne.

Für Emil Nolde (1867-1956) hatten die Mädchen und Jungen von Fischern, Bauern und anderen Dorfbewohnern den Reiz des Unbeschwerten. Er erinnert sich: „Sie alle standen um mich herum, schauend, rufend, lachend.“ Auf einer seiner Radierungen haben sich zwei „Lausbuben“ (1908) breitbeinig vor uns aufgebaut. Derweil haben sich auf einem anderen Blatt fünf kleine Mädchen zum „Ringelrosenkranz“ (1908) an den Händen gefasst.

Zilles Sozialkritik

Noldes Darstellungen des fröhlichen Landlebens stehen im scharfen Kontrast zu Heinrich Zilles (1858-1929) tragikomischer Sozialkritik an den Lebensumständen des Berliner Lumpenproletariats. Sein Blatt „Zur Mutter Erde“ (um 1905) zeigt eine Straßenszene mit spielenden Kindern, Halbwüchsigen, Müttern und einem alten Paar. Kindersterblichkeit war in diesem Milieu etwas Alltägliches. Und so blicken die Dargestellten mit mäßigem Interesse auf einen kleinen Trauerzug.

Mit sentimentalen Darstellungen übte Käthe Kollwitz (1867-1945) Sozialkritik. Die Radierung „Arbeitslosigkeit“ (1909) zeigt einen Vater, der vor Hoffnungsloskeit zusammengesunken neben dem Bett sitzt. In ihm liegt sorgenvoll starrend seine todkrank aussehende Frau, einen Säugling und zwei kleine Kinder um sich. Auf anderen Blättern treten Mütter als entschlossene Beschützerinnen ihres Nachwuchses auf. Schließlich sind die Kinder die Hoffnungsträger für die Zukunft. Deshalb trägt eines der Bilder von Käthe Kollwitz den Titel: „Saatfrüchte sollen nicht zermahlen werden.“

Mit allergrößtem Optimismus feierte hingegen Hugo Höppener (1868-1948), Kinder als Hoffnungsträger einer besseren Zukunft. Seine vor Lebensenergie strotzenden jugendlichen Modelle präsentieren sich in paradiesischer Nacktheit. Sein „Entwurf für Lichtgebet“ (Bleistift, 1922) zeigt die Rückenfigur eines nackten Jünglings, der auf einem Felsgipfel die Arme ausstreckt, um sich Sonne und frischer Luft hinzugeben. Diese Darstellung wurde zur vielfach reproduzierten Ikone der Jugend- und Lebensreformbewegung.

Offenbar nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt sich das von Edvard Munch (1863-1944) auf der Lithografie „Pubertät“ (1894) dargestellte junge Modell. Nackt sitzt es auf der Bettkante, die Arme vor dem Schoß überkreuzt. Blendend scheint es hingegen der kleinen pausbackigen Prinzessin zu gehen, die uns Munch auf einer anderen Lithografie vorstellt. Mit aufmerksamem Blick steht dieses „Kleine norwegische Mädchen“ (1908/09) selbstbewusst vor uns.

Infos: Austellung ist bis zum 23. Januar 2011 im Sprengel Museum Hannover zu sehen. Dienstags 10 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Tel. 0511 / 16 84 38 75 und im Internet: www.sprengel-museum.de

Von Veit-Mario Thiede

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