Lausige Storys fürs Volk: Diego Jascalevichs Impro-Oper

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Improvisierten im tif: Diego Jascalevich (Zweiter von links) mit seinen Schauspielern Naomi Blumenfeld (von links, Jaspers Mutter), Marcos Rudmann (Jarvis), Catherina Cartes (Jaspers Schwester), Till Herber (Jasper) und Carlo Ghirardelli (Liudas).

Kassel. Nicht unpassend, 60 Jahre nach Gründung der „Bild“-Zeitung eine improvisierte Oper über die Verlogenheit des Boulevard-Journalismus auf die Bühne zu bringen.

Also wirbt der Waschzettel mit einer reißerischen Headline: „Korruption und Mord - im Journalismus in Buenos Aires“. Über allem: „Impro-Oper Opera Improvisata.“ Das weckt Erwartungen, zumal die Oper von Diego Jascalevich, der auch das Ensemble dirigierte, vorgestern in der Reihe „Jazz im Tif“ zur Aufführung kam, wo Improvisation an der Tagesordnung ist.

Bei solch einer Ankündigung durfte das Publikum rasantes, spontan agierendes Rollenspiel erwarten, kollektive Interaktionen zwischen Schauspielern, Sängern und Musikern. Schnelle Wendungen, Wortspiele, Überraschungen, eine wüste Geschichte mit Mord, Intrigen, Sex und blutiger Gewalt. Aber, ach, eher nichts dergleichen. Die improvisierte Oper war sehr zahm, sehr einstudiert und gar nicht witzig im Sinn geistreicher Ausschöpfung von Kombinationsmöglichkeiten.

Musikalisch wandelte das Ensemble auf den Pfaden der Neuen Musik in Richtung Dissonanzen und Atonalität. Hier war das Improvisatorische immerhin am meisten spürbar. Das Tempo wurde leider dadurch ausgebremst, dass die Schauspieler und der kleine Chor ihre Texte vom Blatt ablasen. Einzig Carlo Ghirardelli als verräterischer Liudas brachte etwas Drive ins Geschehen, das auf der Novelle „Die bitteren Gräser“ von Adolfo Jasca basiert (Libretto: Miguel Jascalevich).

Im Mittelpunkt steht der frustrierte Boulevard-Journalist Jasper, wenig überzeugend verkörpert von Till Herber. Ihn kotzt sein Job an, weil er das Volk mit lausigen Storys füttert, die den Herrschenden letztlich die Macht sichern.

 Liudas schlägt ihm die Gründung einer Journalistenakademie vor: Aus der Not eine Tugend machen, lautet die Devise. Aber Jasper fühlt sich alsbald von Liudas verraten, weswegen er ihn umbringt und im Garten verscharrt.

In einem Brief findet er einige Samenkörner, und bald wachsen über dem Toten „bittere Gräser“. Jaspers Handlung ist genauso abgeschmackt und melodramatisch wie die Zeitungsartikel, die er verachtet. Aus dieser klugen Parallele ließe sich unglaublich viel machen.

Da in einer Oper nun mal gesungen wird, singen Catherina Cartes als Jaspers Schwester und Marcos Rudmann als Liudas Sohn durchaus ergreifend ein Duett. Allein man versteht nicht, was sie meinen. Plötzlich geht das Licht an und die improvisierte Oper ist ausimprovisiert. Freundlicher Applaus.

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