Neu im Kino: „Vincent will Meer“ thematisiert das Tourette-Syndrom

Leben mit Tic

Ganz oben: Bei einem Zwischenstopp auf seiner Reise nach Italien glaubt Vincent (Florian David Fitz), das Meer am Horizont zu sehen. Dorthin will er die Asche seiner Mutter bringen. Foto: Constantin

seine Mutter trägt Vincent (Florian David Fitz) in einer Bonbon-Dose mit sich herum. Gibt sie nicht aus der Hand. Lässt sie nicht aus den Augen. Nicht eine Sekunde.

„Sie hat sich zu Tode gesoffen, wegen dir!“ Wie ein penetrantes Echo hallt dieser grausame Vorwurf, den Vincents Vater (Heino Ferch) gegen seinen 27-jährigen Sohn erhebt, durch den Film „Vincent will Meer, setzt sich scheinbar in Vincents Kopf fest. Der junge Mann leidet am Tourette-Syndrom, stößt immer wieder unverhofft unkontrollierbare Laute und Schimpfwörter aus, wird von Muskelzuckungen geschüttelt, umhergerissen.

Als die Mutter stirbt, weiß Vincents Vater nicht wohin mit seinem Sohn, schiebt ihn ab in eine psychiatrische Klinik, will nicht wahrhaben, dass sein Sohn anders, seine Erkrankung nicht heilbar ist.

Als Vincent dort auf die magersüchtige und todessehnsüchtige Marie (Karoline Herfurth) und den zwangsgestörten Bach-Liebhaber Alex trifft, ist seine Krankheit plötzlich nur noch eine unter anderen, verliert an Bedeutung.

Die drei jungen Menschen machen sich auf nach San Vincence in Italien, ans Meer, um Vincents Mutter ihren letzten Wunsch zu erfüllen, und ihre Asche an den Ort zu bringen, wo sie glücklich war – und, um auszubrechen aus den Schubladen, in die sie vor Jahren eingeordnet wurden.

Fitz selbst hat das Drehbuch zum Film geschrieben, eine Hommage an seinen ehemaligen Schauspiellehrer, der an Tourette erkrankte.

Regisseur Ralf Huettner („Mondscheintarif“) erzählt die tragische Geschichte von Vincent mit viel Humor. Die drei Anti-Helden des Roadmovies reisen von Süddeutschland durch die Alpen über Österreich bis nach Italien.

Die Bilder, die Huettner wählt, sind so erfrischend wie die Natur selbst: das satte Grün der weiten Felder, das gewaltige Bergpanorama, der tiefblaue Himmel. Fitz verkörpert den feinfühligen Vincent ebenso eindrucksvoll, wie Herfurth die zutiefst verletzte Marie. Nur selten lassen sie den Zuschauer die Schwere, die über den jungen Leben der beiden liegt, vergessen. Obwohl der Film bisweilen ein wenig zu leicht konstruiert erscheint, fehlt der Tiefgang nicht.

Und als Vincent endlich die Bonbon-Dose aus der Hand gibt, ist man, auch ohne Happy End, zuversichtlich, dass die drei ihren eigenen Weg zurück ins Leben finden.

Genre: Tragikomödie

Altersfreigabe: ab sechs

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Belinda Helm

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.