Jean-Claude Beruttis überzeugende Inszenierung von „Sommergäste“ bei den Bad Hersfelder Festspielen

Das Leben ist eine Ferienanlage

Ab ins Schwimmbecken: Regisseur Berutti lässt das Ensemble im Wasser planschen. Foto: Drama

Bad Hersfeld. „Lass uns so leben und weitermachen wie zuvor“, ist man sich am Ende achselzuckend einig. Ein paar Sommergäste sind abgereist, doch deren Gefühlswallungen werden schnell vergessen sein im seichten Urlaubsglück zwischen Pool und Boule.

Der französische Gastregisseur Jean-Claude Berutti inszeniert bei den Bad Hersfelder Festspielen Maxim Gorkis „Sommergäste“ als zweistündiges Panorama des privatistischen Glücksstrebens gutsituierter Bildungsbürger. Er verlegt das Geschehen aus den russischen Datschen der 1904 uraufgeführten Vorlage in einen westlichen Ferienclub mit Sportprogramm und abendlicher Disco. Die Premierenbesucher spendeten am Samstag in der zu knapp zwei Dritteln gefüllten Stiftsruine viel Applaus für einen ebenso witzigen wie hintergründigen Abend mit einer großartigen Ensembleleistung der 16 Darsteller.

Links spielt jemand mit dem Aufblaskrokodil im Schwimmbecken, rechts klappern Laptoptastaturen, vorn wird Kaffee aus der Thermoskanne gezapft, Liebespaare ziehen sich hinter den Sonnenschirm zurück, auf den Monoblockstühlen nesteln Frauen ihre Karodecken fester um sich.

Da Bühnenbildner Rudy Sabounghi (auch Kostüme) nur das Querschiff der Ruine bespielt, entsteht ein Breitwandpanorama, das zu Gorkis dicht gebauten Szenen hervorragend passt. Vieles passiert gleichzeitig, die Zuschauer können überall schauen und viel entdecken. Bunt strahlende Leuchtkästen im Hintergrund verstärken die Querachse und geben der Szenerie das trendige Ambiente einer Wellness-Lounge.

Amüsierwillig sind sie hergekommen, der meist betrunkene Suslow (herrlich zynisch: Uwe Schmieder), der resignative Basow (mit fiesen Ausbrüchen: Stefan Reck), der Beziehungsautist Rjumin (Andreas Vögler mit großer Körperlichkeit) oder der kindsköpfige Wlas (Schalk bis in die Zehen: Lars Weström). Die einen, wie Schriftsteller Schalimow (herrlich blasiert: Johannes Terne), wollen nicht nachdenken, die anderen sind so besessen von ihren ach so bedeutungsvollen Gedanken, dass sie gar nicht davon lassen mögen. Ihre Luxussorgen scheinen ihnen zentnerschwer, ihr Nabel der der Welt.

Nur die ätherisch-schöne Warja (mit brennender Intensität: Charotte Sieglin) kann sich nicht einfügen in das gefühlige Gespreize dieser Überdruss-Routiniers. Sie ist die Aufrichtige, die ihr Unbehagen gegenüber dieser Künstlichkeit noch spüren kann - und die es in Kauf nimmt, als Spaßbremse betrachtet zu werden. Komplizin wird ihr die Ärztin Marja Lwowna, die Emanuela von Frankenberg als nachdenkliche Frau zeigt, die einerseits zur Solidarität mit der Arbeiterschaft aufruft, andererseits aber damit klarkommen muss, dass sie ihre Verliebtheit zu dem viel jüngeren Wlas mit intellektueller Härte wegkompensiert.

Und die selbst ernannte Dichterin Kalerija (Marie Therese Futterknecht) mit Trekkingsandalen im Kirchentagslook salbadert über die Einsamkeit des Edelweiß.

In den knappen Szenen (Fassung: Botho Strauß) lassen die Darsteller komplexe Persönlichkeitsbilder entstehen, die zusammen mit Beruttis präzise konstruierter Szenencollage ein Gegenwartspanorama mit hohem Wiedererkennungswert erzeugen. Schöne Ferien.

Festspiele bis 8. August, Kartentel.: 06621-201360.

Von Bettina Fraschke

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