Jean Racines "Phädra" am DT Göttingen: Das Leben ist eine Tafelrunde

Statisch: Vanessa Czapla (Arikia, von links), Andrea Strube (Phädra), Sarah Schermuly (Önone) und Meinolf Steiner (Hippolytos). Foto:  Winarsch

Göttingen. „Mir graut vor mir selbst“, sagt Phädra – und das ist ausgerechnet der Moment, wo die griechische Königsgattin am glücklichsten wirkt.

Phädra (Andrea Strube) steht auf dem Tisch, das weiße Tischtuch unter den nackten Füßen, den muskulösen Körper im langen, ärmellosen Kleid selbstbewusst in Pose gereckt.

Immer lauter ist sie geworden im Sprechen, immer mehr aus Lethargie und Erstarrung aufgetaucht. In der Raserei ist Phädra am innigsten bei sich selbst. Sie liebt ihren Stiefsohn Hippolytos (Meinolf Steiner) rasend, der jedoch liebt die Gefangene Arikia (mädchenhaft: Vanessa Czapla).

König Theseus scheint tot zu sein, diese Nachricht ermöglicht, dass man einander seine Gefühle gesteht. Verbotene. Unerwiderte. Und über eine Neuverteilung der Macht nachdenkt. Doch dann kehrt der Totgeglaubte zurück und der gefühlsgesteuerte Ausbruch aus der Ordnung, den Amme Önone (berechnend-kühl: Sarah Schermuly) angezettelt hat, lässt sich nicht mehr zurückdrehen. So nimmt die Tragödie ihren Lauf. Die Bilanz: zahlreiche Tote.

Jegliche Bewegung ausgebremst

Der junge Regisseur Felix Rothenhäusler inszeniert am Deutschen Theater in Göttingen Jean Racines „Phädra“ von 1677 und bremst darin jegliche Bewegung aus. In der ersten halben Stunde sitzen lediglich vier Menschen regungslos an langen Tafeln und sprechen einsam auf die Tischplatte vor ihnen herunter (Bühne: Lisa Marie Damm). Im fahlen Licht gibt es keinerlei echte Kommunikation.

Es gibt erlösende Momente von Zweifel, Verzweiflung und Raserei, doch auch in diesen kurzen emotionalen Szenen werden Gefühle distanziert dargestellt.

Rothenhäusler spielt mit dem Thema Fassung / Fassungslosigkeit, die Tafelrunde ist ein eindrucksvolles Bild für unser gesellschaftliches Zusammenleben, das auf Gefühlsextreme nicht eingerichtet ist und keinen wirklichen Kontakt ermöglicht. Der kopflastige Regiezugriff, der extrem verknappte Text und die Abwesenheit von Bewegung und Interaktion lassen den 90-minütigen Abend unter der Last dieses übergroßen Theoriekonstrukts ächzen. Auch wenn es gut durchdacht ist. Buhrufe für das Regieteam, die sich unter den Applaus des Premierenpublikums mischten, waren die Folge.

Wie ein Guru bei der Therapiesitzung

Die Hauptdarsteller holen trotz der Reduktion viele Nuancen heraus: Meinolf Steiner probiert als Hippolytos jungenhafte Herrscherposen. Andrea Strube lässt mit nur einem Rocklupfen einen Moment lang Lebensfreude durch ihre Phädra strömen (Kostüme: Lea Dietrich).

Bis Theseus zurückkehrt und die Szenerie kippt. Der großartige Paul Wenning mit langer grauer Lockenmähne, Anzug und Architektenbrille reißt mit raumgreifender Gestik die Lufthoheit an sich. Wie ein Guru bei der Therapiesitzung residiert er an der Tafel.

Und so endet der Abend wie in einer Selbsterfahrungsgruppe. Das Sterben ist ein etwas lächerliches Happening, für das alle mit roter Flüssigkeit herumspritzen. Sie schmieren sich die Körper ein, wälzen sich im falschen Blut auf den weißen Tischtüchern, lassen es aus Farbfläschchen wie eine Ejakulation aus den Lenden spritzen, wuscheln es sich in die Haare. Aus einer Gesellschaft des Fassungbewahrens verabschieden sich die Figuren hier wie auf einem entgleisten Kindergeburtstag.

Wieder am 15., 29.5., Karten: Tel. 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

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