Das Staatstheater Kassel eröffnet die Spielzeit mit einer herausragenden Inszenierung der Reimann-Oper „Lear“

Reimann-Oper „Lear“: Wie uns das Leben einholt

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Familientragödie in der Sterbeklinik: (von links) Espen Fegran (Lear), Lona Culmer-Schellbach (Goneril), Ruth-Maria Nicolay (Regan), Caroline Stein (Cordelia) und Mario Klein (France).

Kassel. Kann man diesem alten Mann böse sein? Der abgedankte Herrscher Lear hilflos im Sterbezimmer eines Krankenhauses. Wird da nicht alles Vorangegangene bedeutungslos, ist es nicht die Zeit des Verzeihens?

Nein, das Leben holt uns ein, und die Erinnerung an begangenes und erlittenes Unrecht kann uns den Verstand rauben. Finale Tröstung? Ungewiss.

Stationszimmer als Labor der Bilder: Stephan Komitsch (links) und Peer Engelbracht (Live-Videodesign).

Diese Botschaft der Shakespeare-Tragödie übermittelt Aribert Reimann in seiner aufwühlenden Oper „Lear“ aus dem Jahr 1978. Und der Wiener Regisseur Paul Esterhazy hat sie zum Spielzeitbeginn im Kasseler Opernhaus höchst virtuos in Szene gesetzt.

Alles scheint superrealistisch (Bühne: Mathis Neidhardt): Das Stationszimmer, die drei Bettenabteile, in denen der Narr (Dieter Hönig), Lear (Espen Fegran) und Gloster (Krzysztof Borysiewicz) liegen. Lears Familie ist anwesend: die drei Töchter Goneril, Regan und Cordelia, die Schwiegersöhne Albany, Cornwall und France.

Live gefilmte Videobilder (Peer Engelbracht, Stephan Komitsch) treiben den Realismus auf die Spitze: Die Infusion tropft riesenhaft vergrößert, später wird sich die Giftkapsel, mit der Goneril ihre Schwester Regan tötet, in Großaufnahme auflösen.

Wie war`s?

Eine fordernde Operninszenierung, die das Publikum für seine Anstrengung reich belohnt. Nicht verpassen.

Doch dieser Realismus wird unterminiert: Sind die drei Bettlägerigen in Wahrheit nicht einer? Auch die Töchter, die Schwiegersöhne sowie Glosters Söhne Edgar und Edmund sind identisch gekleidet (Kostüme: Pia Janssen). Sind sie Aufspaltungen jeweils einer Person in einem verwirrten Gehirn?

Es ist hohe Inszenierungskunst, mit welcher Präzision Esterhazy die innere und äußere Realität verzahnt. Und dabei auf überraschende Deutungen kommt: Wenn Glosters verstoßener Sohn Edgar in Reimanns Partitur als armer Tom vom Tenor zum Countertenor mutiert, dann lässt Esterhazy den Verstörten das Kostüm Cordelias anziehen. Sind es nicht diese beiden, in denen die Vaterliebe wohnt - und die, ganz prosaisch, aufwischen, wenn die Alten inkontinent sind?

Unmöglich, alle Knotenpunkte des dichten Beziehungsnetzes zu nennen, das Esterhazy knüpft. Doch in dieser Verdichtung - und synchron zu Reimanns suggestiver Ausdrucksmusik - gewinnt die Tragödie um Verblendung, Hass, Machtgier und hilflose Liebe neben der dramatischen auch eine poetische Form. Eine solche Form der Poesie enthüllen letztlich auch die riesigen Videobilder. In ihr ist die Realität - oder pathetisch: die Wahrheit - der schrecklichen Lebensbilanz Lears aufgehoben.

Da kann der treue Kent als Priester mit den Sterbesakramenten ruhig zu spät kommen. Der Friede ist schon hergestellt.

Von Werner Fritsch

Espen Fegran gelingt als Lear eine Glanzleistung

Diesem Lear kann sich niemand entziehen: Espen Fegran hat als grandioser Sängerdarsteller alle Töne und Untertöne parat für die komplexe Titelfigur zwischen Verblendung, Wahnsinn und Zärtlichkeit. Getragen von einem starken Ensemble, aus dem neben Lears Alter Egos, dem Narren Dieter Hönigs und dem Gloster Krzysztof Borysiewiczs, vor allem die Töchter herausragen: Caroline Stein ist eine Cordelia von stimmlich hohem Reinheitsgrad und Ruth-Maria Nicolay verleiht den Koloraturen Regans heftige Ausdruckskraft.

Lona Culmer-Schellbach ist mit ihrem weich-voluminösen Sopran als Goneril keine Idealbesetzung - dennoch gelingt ihr ein starkes Rollenporträt. Michael Hofmeister bewältigt den Rollenspagat als Edgar/Armer Tom ebenso bravourös wie den Wechsel zwischen Tenor und Countertenor. Höhensicher, aber etwas flach in der Tongebung Rainer Maria Röhrs Edmund. Johannes An ist ein stimmlich wie darstellerisch virtuoser Kent. Mario Klein (France), Geani Brad (Albany) und János Ocsovai (Cornwall) sowie der Herrenchor runden die Ensembleleistung ab.

Als sängerfreundlich und der Homogenität des Gesamtklangs dienlich erweist sich die Platzierung des Orchesters hinter der Bühne. Patrik Ringborg entfaltet, unterstützt von den Subdirigenten Giulia Glennon und Xin Tan, die bei aller konstruktiver Raffinesse sehr direkt wirksame Musik Reimanns in ihrem Klangreichtum zwischen poetischer Versenkung und Gewaltsamkeit. Zunächst etwas zögerlicher, dann aber lang anhaltender Beifall.

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