Wilhelm Genazino schreibt in seinem Roman „Bei Regen im Saal“ über das Scheitern

Das Leben als Elegie

Meister der Beobachtung: Wilhelm Genazino. Foto: dpa

Wenn ich mich genug geschämt habe, werde ich befreit sterben dürfen“, lautete eines der quälenden Selbstzeugnisse der Figur Gerhard Warlich aus dem Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ (2010) von Wilhelm Genazino. Der promovierte Philosoph Warlich arbeitete mehr als ein Jahrzehnt in einer Wäscherei und landete (mit sich selbst im Einklang) am Ende in der Psychiatrie.

Dieses Schicksal bleibt dem neuen Genazino-Protagonisten Reinhard zwar erspart, aber ansonsten könnte er ein Warlich-Zwillingsbruder sein – auch er promovierter Philosoph, auch er ein auf skurrile Weise gescheiterter Akademiker mit den aus den Vorgängerromanen bekannten Beziehungsproblemen.

Jener Reinhard ist im neuen Roman „Bei Regen im Saal“ Anfang vierzig und hat als Nachtwächter und Barkeeper gearbeitet, ehe er einen Job als Lokalredakteur beim „Taunus-Anzeiger“ fand. Die Beziehung zu seiner Dauerfreundin Sonja, einer ehrgeizigen Finanzbeamtin, verläuft kompliziert. Die Genazino-Figuren lösen bei ihren Partnerinnen nämlich keine erotischen Gefühle aus, sondern wecken Mutterinstinkte.

Bei Sonja ist es ähnlich. Sie will seine Unterwäsche austauschen, sein Erscheinungsbild verändern und ist irgendwann erschöpft von der Alltags-Untauglichkeit des Partners, der so gern an ihren Brüsten saugt. Sie zieht die Beziehungsnotbremse und heiratet einen Kollegen.

Die Figuren des 71-jährigen Trägers des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor pendeln zwischen Flaneur und Streuner, zwischen Müßiggänger und Penner. Sie sind keine lautstarken Weltverbesserer, sondern haben sich einen kommoden Mikrokosmos des Scheiterns eingerichtet. Ein wenig hilflos sind sie allemal, richtig unglücklich nicht, denn sie scheinen sich mit ihren Lebensverhältnissen arrangiert zu haben.

So geht auch Reinhard mit großer Freude auf seine endlosen Spaziergänge durch Frankfurt. Auch dahinter steckt ein bekanntes Genazino-System: Der Antiheld mit all seinen psychischen „Blessuren“ entwickelt bei seinen „Touren“ eine sehr selektive Wahrnehmung. Vor allem die negativen Dinge seines Lebensumfeldes stechen ihm ins Auge: die architektonische Sünden, leerstehende Ladenlokale, verfallende Häuser, unendliche Brachflächen. Diese von subtiler Beobachtungsgabe zeugenden Sequenzen lesen sich wie eine Ästhetik des Verfalls.

„Mein Leben verwandelte sich mehr und mehr in eine Elegie, an der ich allmählich Gefallen fand“, so die mal träumende, mal trauernde, zumeist jedoch in Selbstmitleid zerfließende Hauptfigur. „Bei Regen im Saal“ präsentiert wieder eine Gratwanderung zwischen Komik und Tragik, zwischen Leid und Selbstmitleid, zwischen Verlierer und Verweigerer. Niemand kann aus dieser Mischung so berührende Romane komponieren wie Wilhelm Genazino.

Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal. Hanser, 158 Seiten, 17,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Peter Mohr

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