Paul Ingendaay las in Vellmar aus seinem Roman „Die romantischen Jahre“

Leben in Erinnerungen

Paul Ingendaay Foto: von Busse

Vellmar. Auf zweierlei legte Paul Ingendaay Wert, als er am Montagabend zu Beginn seiner Lesung im fast vollen evangelischen Kirchenzentrum Vellmar vorgestellt wurde: Er sei Kulturkorrespondent der FAZ in Madrid, nicht Redakteur. Das zwinge zu Pünktlichkeit und Genauigkeit. Wenn 131 Zeilen gewünscht seien, liefere er exakt 131, damit die Frankfurter Kollegen möglichst wenig redigieren. Und zweitens: Er sei auch für Fußball zuständig. „Fußball und Kultur, das ist meine Welt.“

Die Sommer über jedoch schreibt der 50-jährige gebürtige Kölner Bücher - mitunter Hunderte Seiten in wenigen Wochen, mithilfe von klösterlicher Einsamkeit („ich war auf einem katholischen Internat“), regelmäßigem Schwimmen und viel grünem Tee. Sein Romandebüt „Warum du mich verlassen hast“ ist so entstanden, und den Weg von dessen Held Marco Theunissen verfolgt er im gerade erschienenen „Die romantischen Jahre“ weiter. Marco, im Erstling selbst Internatsschüler, ist nun 37, er hat sein Literaturstudium abgebrochen und arbeitet als Versicherungsvertreter.

Es war bei Ingendaays Lesung - erst der zweite Termin seiner Lesereise - spannend zu beobachten, wie er durch Reaktionen sein eigenes Buch neu kennenlernt: „Ich weiß, was ich geschrieben habe, aber noch nicht, wie man es lesen kann.“ Und: Wie sehr Ingendaay die Figuren seines Romans mag, wie sie ihn begleiten, wie er mit ihnen lebt. Er schilderte seine Charaktere, als sei das Roman-Personal lebendig. Mehrere ungeschriebene Bücher hat er noch im Kopf.

Ingendaay sprühte zwei Stunden lang vor Lese- und Erzähllust. „Ich verplauder mich gerade“, stellte er erschrocken fest. Tieftrauriges las er ebenso wie Hochkomisches - wie der Landwirt Jochen Hübbers, von „der Frau“ geschickt, sein kaputtes Brillenglas von der Hausglasversicherung ersetzt haben will, gehörte zu den amüsanten Höhepunkten: „Sie starren auf Ihr lächerliches Missgeschick und übersehen das große Glück, das Sie umgibt“, überzeugt ihn Marco am Ende.

Ingendaay hat aber auch ein ernstes Thema: das Erinnern. Er entwickelte in Vellmar die These, dass wir alle nicht nur im Heute leben, sondern immer wieder in die Vergangenheit abtauchen, dass wir nicht loskommen von dem, was wir einst erlebt oder versäumt haben. Alles, was wir heute tun, erklärt sich aus der Vergangenheit. Dem spürt er in seinem Roman nach. Paul Ingendaay: Die romantischen Jahre, Piper, 480 S., 19,99 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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