Das Kasseler Studententheater STUK adaptierte Horváths „Kasimir und Karoline“

Das Leben geht weiter

Das Ensemble: (unten) Simone Gregor; (2. Reihe von links) Isabel Schließmann, Anna-Maria Lattemann, Mona Hauser, Susanne Traber; (3. Reihe von links) Stephan Karbaum, Marc Andrejkovits, Martin Junghans; (4. Reihe von links) Jana Grüner und Christian Köhn. Foto: Socher

KASSEL. Das Schlüsselwort heißt Krise, und aktueller könnte deshalb kein moderner Klassiker sein als Ödön von Horváths 1932 uraufgeführtes Theaterstück „Kasimir und Karoline“, das die wirtschaftliche und die Gefühlslage der Menschen, der „kleinen Leute“, nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 spiegelt.

Volker Hänel und Ulrike Birgmeier, das Regieteam des Studententheaters der Universität Kassel (STUK), fanden viele Bezüge zur Gegenwart, die sie entlang des Untertitels „Und die Liebe höret nimmer auf“ in ihrer stark komprimierten Fassung im Dock 4 auffächern. Provokant ins Zynische verkehrt, wird dieses Motto vorgeführt an der Zerrüttung der Gefühle vor allem der beiden Hauptfiguren.

Wie viel Belastung durch widrige Lebensumstände, in diesem Fall Arbeitslosigkeit, kann Liebe aushalten? Horváths Blick ist illusionslos. Hänel/Birgmeier zeigen in einem schrillen Bilderbogen diesen psychischen Auflösungsprozess. Kasimir, Chauffeur und hier auch ehemaliger Musikstudent (Christian Köhn mit staksigem Charme, der auch am Flügel für die musikalische Grundierung sorgt), und seine Verlobte Karoline (Jana Grüner als aufmüpfig-selbstbewusste junge Frau) geraten in den Konflikt zwischen verzweifelter Perspektivlosigkeit und rauschhaftem Vergnügungswillen auf ihrem Streifzug in die Welt der Amüsierbetriebe. Das ist hier nicht das Münchner Oktoberfest wie bei Horváth, sondern eine schon fast ins Absurde überzeichnete Bargesellschaft, die in jeder Großstadt, ob in Berlin oder auf der Reeperbahn, angesiedelt sein könnte. Mona Hauser, die „Chefin“, eine gnadenlose Domina mit Peitsche, beherrscht hier das Geschehen.

Im Wirbel der Gesellschaftsspiele, die sie anführt, verlieren Kasimir und Karoline einander aus den Augen und finden neue Partner. Ihre alte Liebe, ihre Lebenspläne, sind zerbrochen. Aber das Leben geht weiter. In zahlreichen, mosaikartig nebeneinandergestellten Bildern unterstreichen Stephan Karbaum (Landgerichtsdirektor Schürzinger), Anna-Maria Lattemann (Autohändlerin Cordula von Rauch), Marc Andrejkovits (deren Galan Werner von Speer), Martin Junghans als Ganove Franz, eine brutale Gegenfigur zum schüchternen Kasimir, oder Isabel Schließmann, Kasimirs neue Liebe Erna, die Austauschbarkeit von Gefühlen.

Viel Beifall für einen Theaterabend der harten Gegensätze, aber auch der leisen Töne.

Weitere Termine: 10., 12., 18. Juni sowie 4. Juli, 19:30 Uhr, Karten unter 0561/ 7872067 .

Von Claudia von Dehn

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