Nina Mattenklotz liefert mit Dea Lohers „Fremdes Haus“ eine wunderbare Theaterarbeit am JT Göttingen ab

Leben in grauer Trostlosigkeit

Momente der Hoffnung sind nur kurz: Agnes (Felicity Grist) und Jane (Léon Schröder). Foto: Eulig

Göttingen. Die Welt ist ein öder Ort, die Autorin Dea Loher beschreibt ihn, Deutschland 1994, als trostlose Gegend am Kanal. Im Jungen Theater in Göttingen ist das eine dunkle Bühne, ein verkommenes Ufer, auf die jetzt der 20-jährige mazedonische Auswanderer Jane auf der Suche nach seiner verehrten Legende Risto hineinkommt.

An diesem öden Ort fern der alten Heimat verfolgt Risto den Zerfall seiner Restfamilie. Jeder verteidigt das Wenige, das er gefunden hat, mit Verrat, Schuld und Unrecht. An die Plastikplane an der Rückwand schreiben die Spieler mit Kreide langsam: „Fremdes Haus“.

Dea Lohers Stück, 1995 entstanden, ist grau in seiner Trostlosigkeit. Das meistgespielte Stück der meistgespielten Gegenwartsdramatikerin Deutschlands behauptet mit dieser Desorientierung den Grundzustand aller Loher-Werke. In Göttingen schafft die junge Regisseurin Nina Mattenklotz zu Lohers kargen wuchtigen Sätzen, mit denen jede der von Krieg und Heimatlosigkeit geprägten Figuren ihr Unglück kondensiert, ein so formal gelungenes wie intensives Theater.

Am Jungen Theater ist Risto einer, der lustlos seine schmutzigen Geschäfte betreibt und an seiner Lebenslüge, ein Held zu sein, festhält, seine Frau Therese verschenkt ihren Körper, und Tochter Agnes hat einen schmierigen Autoschieber geheiratet. Der Einbruch Janes in ihre Welt wirft sie alle auf ihre Verluste und längst vergangenen Träume zurück: „Du musst doch eine Sehnsucht haben?“, fragt der Junge dann.

Mit einfachen Bühnenmitteln gelingen Regisseurin und Ausstatterin Silke Rudolph metaphorische Felder, die kraftvoll sind und viel erzählen können. Zur eingespielten Musik von Tobias Gronau wechseln übergangslos poetische und skurrile Spielsequenzen: Bilder, nur angedeutet, die der Zuschauer sich in seinem Kopf fertigstellen muss.

Dann liegt Risto (leer und innerlich zerrissen) wie ein Embryo zusammengekauert auf der Erde, bewegen sich die Menschen wie in einer gut einstudierten Choreografie durch ihr heruntergekommenes Leben. Zum Schluss schwimmt Therese (Verena Saake mit großer Würde und Trauer) tot im Kanal, ihren Kummer konnte sie doch nicht weglachen, und Agnes (Felicity Grist, eine Traumtänzerin im Niemandsland), die sich zuvor in einer kurzen Liebessehnsucht Jane hingegeben hat, flüchtet mit einem kleinen Lachen aus dem falschen Leben. Eine Hoffnungsträgerin?

Jane (Léon Schröder jung, unreif und wechselhaft) bleibt, „er kann es ja auch mal versuchen“, sagt er. Doch es gibt kein richtiges Leben im falschen. Zur Premiere stürmischer Applaus für eine wunderbare Theaterarbeit, Regisseurin Mattenklotz konnte sich ihren Beifall nicht abholen, sie hat ein Kind bekommen.

Wieder am 22. und 28. September, 4. und 14. Oktober, 20 Uhr, Hospitalstraße 6, Kartentelefon: 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Juliane Sattler

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