Volker Schmalöer inszeniert zum Abschluss seiner Zeit als Oberspielleiter Tschechows „Möwe“

Das Leben ist immer anderswo

Volker Schmalöer Archivfoto:  Fischer

Kassel. Als die Entscheidung fiel, dass das Staatstheater im Jahr von Anton Tschechows 150. Geburtstag „Die Möwe“ aufführen würde, wusste Oberspielleiter Volker Schmalöer noch nicht, dass er diese Funktion zum Ende der Spielzeit aufgeben würde. Jetzt passt das Drama - nach „Onkel Wanja“ Schmalöers zweite Kasseler Tschechow-Inszenierung - perfekt zu seinem Abschied.

„Extrem abschiedsdurchweht“ nennt er das Stück, das das Theaterschaffen thematisiert und noch mal ein großes Ensemble versammelt. „Sehr mit den eigenen Lebensthemen konfrontiert“ findet sich Schmalöer also in den Proben. Doch könne er Distanz gewinnen, sehe er das Künstlerstück samt „Spiel im Spiel“ nüchtern, wie der Arzt Tschechow seine Figuren mit diagnostischer Schärfe zeichnet: „Sentimental bin ich gar nicht.“

Eine „Komödie“ nennt Tschechow „Die Möwe“, aber komisch sind die Lebenswege, die enttäuschten Hoffnungen dieser auf dem Land versammelten Künstler-Gesellschaft eigentlich gar nicht. Humor jedoch sieht Schmalöer im „extremen Wollen“ aller Figuren, ob künstlerisch, materiell, in der Liebe, in ihrem Egoismus: „wie sich verschiedene Wollensstränge treffen und doch verfehlen“. Es ist ein einziges Sich-verpassen, Aneinander-vorbeileben, Scheitern.

„Sein Leben möblieren, sein Leben verspielen“, so fasst Schmalöer seinen Zugriff zusammen. Die Drehbühne, die fürs Karussell des Lebens steht, wird im Laufe des Abends voller, doch alle empfinden, das Eigentliche sei immerzu anderswo zu suchen. „Ihr Ichgefühl ist sehr nah an uns“, findet Schmalöer; „ein bruchloser Spiegel unserer Gesellschaft“, in der jeder alles hinnehmen zu müssen meint, eine Gesellschaft, die hilflos scheint in einer Wirtschaftskrise, deren „sinnhafter Kern zerfällt“.

Zu Unrecht gelte Tschechow als melancholisch, langweilig gar - für Schmalöer verdichtet er das Leben, zeigt er wie unter einem Brennglas, wie wir miteinander umgehen, aber auch, wie es anders sein könnte. Dahinter stehe „eine Utopie des Besseren, ein Fest des Lebens“.

Für Schmalöer jedenfalls ist es ein „Geschenk“, zum Abschluss seiner Zeit als Oberspielleiter erneut diesen „lebensbejahenden“ Autor aufführen zu dürfen. Im Theater sei Tschechow nämlich so beliebt, dass Inszenierungen kaum in die Hände von Gastregisseuren vergeben werden.

Premiere, Freitag, 19.30 Uhr, Schauspielhaus. Karten: Tel. 0561/1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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