Christoph Schlingensief machte als Künstler vor nichts halt - auch nicht vor dem eigenen Sterben

Leben als Inszenierung

Verlor den Kampf gegen den Krebs: Der Theater- und Filmregisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief (49). Foto: dpa

Am Ende war es sein größtes Kunstwerk, das eigene Sterben zu inszenieren. Und alle, auch diejenigen, die seine Arbeiten kritisch begleitet hatten, konnten Christoph Schlingensief den Respekt nicht versagen.

Respekt davor, wie er in seinen Inszenierungen „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und „Zwischenstand der Dinge“ die tödliche Krebserkrankung so radikal subjektiv und intensiv zum Thema künstlerischer Gestaltung machte, dass diese umschlug in eine berührende, allgemeingültige Anklage gegen den Tod. Dem Tod selbst aber konnte er nicht entrinnen: Vorgestern starb Schlingensief in Berlin 49-jährig an Lungenkrebs, zweieinhalb Jahre, nachdem die Krankheit entdeckt wurde.

„Ich habe keinen Bock auf Himmel“, hatte der Filme- und Theatermacher sowie Aktionskünstler nach seiner Krebs-Operation gesagt. Und in seinem Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung“ (2009) ließ Schlingensief die Leser an seinem Kampf ums Überleben teilhaben. Doch da klang schon Resignation durch angesichts von Metastasen im verbliebenen Lungenflügel.

Kaum einer erinnert sich noch an die künstlerischen Anfänge Schlingensiefs, die heute so aussehen, als ob da einer unter Einsatz seiner ganzen Existenz der Tristesse eines (klein-)bürgerlichen Lebens entrinnen wollte.

In den Untergrund

Zweimal wurde Schlingensief, der in Oberhausen als Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester aufwuchs, von der Münchner Filmhochschule abgelehnt. Schlingensief wich aus in den künstlerischen Untergrund und drehte experimentelle Kurzfilme. 1983 realisierte er seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Tunguska - Die Kisten sind da“.

Mehr noch mit seiner Deutschlandtrilogie „100 Jahre Hitler“, „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Terror 2000“ erwarb sich Schlingensief, der nebenbei als Aufnahmeleiter der TV-Serie „Lindenstraße“ jobbte, den Ruf eines Provokateurs, der von der politischen Linken wie von der Rechten gleichermaßen gehasst wurde.

An der Berliner Volksbühne feierte Schlingensief 1993 mit „100 Jahre CDU - Spiel ohne Grenzen“ einen spektakulären Einstand als Hausregisseur. Mit jedem neuen Projekt gelang es ihm, die schmerzempfindlichen Stellen der Gesellschaft zu treffen. Dies allerdings bei steter Kritik an der künstlerischen Qualität seiner Inszenierungen. So auch 1997 bei seiner Kasseler documenta-Kunstaktion „Mein Fett, mein Filz, mein Hase“ - eine Anspielung auf Joseph Beuys -, als er mit einem Plakat mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ für Empörung sorgte.

Berufung nach Bayreuth

Zum Erstaunen der Fachwelt übertrug Wolfgang Wagner, der Komponistenenkel, Schlingensief die Inszenierung der Wagner-Oper „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen 2004. Auch hier kam es zum Eklat - weil Schlingensief das Stück hemmungslos subjektiv in eine kaum zu entziffernde Bilderflut tauchte und mit Filmeinspielungen unter anderem eines verwesenden Hasen versah. Später beschrieb Schlingensief die Arbeit in Bayreuth als Überforderung seiner Kräfte - und gab ihr die Mitschuld an seiner Krebserkrankung.

Immer wieder gestaltete Schlingensief seine Projekte als Kollektivarbeit, etwa künstlerische Projekte mit Behinderten oder seine Polit-Aktionen mit Asylbewerbern in Wien und mit der Parteigründung „Chance 2000“.

Vieles konnte Schlingensief nicht vollenden: Sein für die Ruhr-Triennale geplantes Stück „S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken“ musste er absagen, seine Memoiren bleiben unvollendet, und die Gestaltung des deutschen Pavillons auf der Venedig-Biennale 2011 muss nun an einen anderen Künstler vergeben werden.

Schlingensiefs Hoffnung, im Festspielhaus im nordafrikanischen Burkina Faso begraben zu werden, wird wohl nicht Realität werden - trotz der Grundsteinlegung im Februar 2010. Doch er hatte er 2009 noch seine langjährige Mitarbeiterin Aino Laberenz geheiratet - privates Glück in der letzten Lebensphase.

Von Werner Fritsch

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