Mahlers erste Sinfonie stand im Zentrum des Sinfoniekonzerts mit Patrik Ringborg

Leben aus der Klangfülle

Ergreifender Klagegesang mit Blochs „Schelomo“: Solist Wolfram Geiss und Dirigent Patrik Ringborg. Foto: Schachtschneider

Kassel. Sucht man nach einem Klang von Heimatlosigkeit, dann kann man ihn am Anfang von Ernest Blochs hebräischer Rhapsodie „Schelomo“ finden. Den traurigen Gesang des Solocellos kontrastiert das Orchester mit so gespenstisch-unwirklichen Klängen und einer schleifenden Harmonik, dass es dem Hörer den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint.

Blochs 1916 - im Jahr seiner Abreise ins amerikanische Exil - entstandener Klagegesang auf König Salomo gehört zu jenem Typus jüdischer Musik vom Beginn des vorigen Jahrhunderts, in der Hoffnung allenfalls als Sehnsucht aufscheint. Wolfram Geiss, Solocellist des Staatsorchesters, spielte den solistischen Part im letzten Kasseler Sinfoniekonzert der Spielzeit mit vornehm-kantablem Ton und einem expressiven Gestus, der zwischen Beschwörung und Resignation lag - eine einsame Stimme gegen das vielstimmige Aufbäumen des Orchesters.

Eine dichte Einstimmung auf die erste Sinfonie Gustav Mahlers, eines anderen großen Heimatlosen. Der böhmische Jude, der sich nicht nur in Österreich fremd fühlte, hat 1889 gleich mit seinem ersten Beitrag zur Gattung Sinfonie deren Rahmen gesprengt.

Ursprünglich nannte Mahler das Werk eine Tondichtung nach Jean Pauls Roman „Titan“, nahm dies später jedoch zurück. Gleichwohl kündigt er die formale Geschlossenheit der Gattung Sinfonie auf. Und er verwendet musikalisches Material wie Liedmelodien und Blasmusik-Elemente, das bis dahin keinen Eingang in die Kunstmusik gefunden hatte.

Eine Fülle an Themen, Naturstimmungen, musikalischen Gesten und emotionalen Zuständen packt Mahler in seine erste Sinfonie. Diesen Reichtum führten das Staatsorchester und sein Leiter Patrik Ringborg neun Tage vor Mahlers 150. Geburtstag am 7. Juli eindrucksvoll vor.

Ringborg ist kein Dirigent, der Gegensätze übertüncht und in einer kompakten Form zusammenzwingt. Erst indem das Eigenleben der Motive und Stimmungen sich zusammenfindet, entsteht Struktur, wie im ersten Satz, der sich allmählich aus einem naturhaften Klang entwickelt.

Daraus entstehen thematische Blöcke, Liedmelodien, Hörner-Gesänge (ein Sonderlob der Horn-Gruppe!). Insgesamt jedoch dominiert das Fragile. Flächen entstehen, in denen sich die musikalische Zeit aufzulösen scheint, in denen sich aber Neues zusammenbraut.

Ländlerisch, aber nicht grob gibt sich bei Ringborg der zweite Satz, und der ins Moll gewendete Bruder-Jakob-Kanon im dritten wird mit einer sehr diskreten Blaskapelle gegengeschnitten. Umso wirkungsvoller bricht der Tumult des Finalsatzes los - laut Mahler „der Aufschrei eines im Tiefsten verwundeten Herzens“.

Toll, wie Ringborg diesen Satz transparent hält und damit das Gewaltsame des heroischen Schlusses offenlegt. Jubelnder Beifall in der Stadthalle für den Dirigenten und ein Orchester in Hochform.

Von Werner Fritsch

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