Ein Leben als Kreativer: Rolf Schwendter starb mit 73 Jahren

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Wissenschaftler, Künstler, freier Mensch: Rudolf Schwendter, der von 1975 bis 2003 an der Kasseler Uni lehrte, starb am Sonntag im Alter von 73 Jahren. Eine Aufnahme von 2010.

Kassel. Wer Rudolf Schwendter mit Einkaufstüten beladen durch den Vorderen Westen gehen sah, ahnte wohl kaum, dass es sich um einen der kreativsten Köpfe handelte, die jemals an der Kasseler Universität lehrten. Der Unorthodoxeste war er auf jeden Fall.

Am Sonntag ist der Sozialwissenschaftler und Professor für Subkultur (Devianzforschung) im Alter von 73 Jahren in Kassel gestorben.

Es mutet wie bittere Ironie an, dass die Todesnachricht vom Ersten Wiener Lesetheater über Facebook verbreitet wurde, denn Schwendter war stets ein Kritiker moderner Kommunikationstechnologien.

Es fällt schwer, Schwendters Wirken auf einen Begriff zu bringen. Am 13. August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, in Wien als Rudolf Scheßwendter geboren, studierte Schwendter in seiner Heimatstadt Jura, Staatswissenschaften und Philosophie und erwarb in allen drei Fächern den Doktortitel.

Doch Schwendter verstand sich nie nur als Wissenschaftler, sondern stets auch als Künstler. Als Mitglied einer Wiener Künstlergruppe, als Dichter und Liedermacher setzte er sich stets entgegen der herrschenden Ästhetik in Szene. Und dies nicht nur entgegen dem traditionell bürgerlichen Kulturbegriff, sondern auch entgegen dem altenativhippen Leben mit E-Mail und Social Networks.

Außerhalb seiner Kasseler Uni-Tätigkeit als Professor, die er von 1975 bis 2003 ausübte, schuf er immer wieder künstlerische Freiräume, etwa in den Veranstaltungen des „Offenen Wohnzimmers“ in der Goethestraße mit Lesungen, Liedern und (humorvollen) Kunst-Aktionen. E-Mails schrieb er nie, die Ankündigungen erreichten die Redaktion stets handschriftlich.

In seinem wissenschaftliches Hauptwerk, „Theorie der Subkultur“, das in den Siebzigerjahren erschien, untersuchte er gesellschaftliche Randgruppen, ihre Organisationsformen und ihre Verhaltensregeln. Seine Lehrtätigkeit umriss er einmal mit dem Satz „Ich lehre meine Studenten abweichendes Verhalten“.

Einen Gedichtband mit Texten aus den 60er-Jahren veröffentlichte Schwendter zu seinem 65. Geburtstag unter dem Titel „Blues auf dem Weg zum Wahnsinn“. Damals, in einer persönlichen Krise nach dem Tod des Vaters, begann sein Weg in die Unkonventionalität, weg auch von den politischen Vätern der Linken hin zu einem freien, an der Psychoanalyse geschulten Denken.

Diesen Weg der Freiheit ist Rolf Schwendter weitergegangen bis zum Schluss.

Von Werner Fritsch

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