Patrick Schlössers kunstvolle Inszenierung von Wedekinds „Der Marquis von Keith“ am Kasseler Schauspiel

Kasseler Schauspiel: Das Leben als Oberflächenreiz

Kassel. Das ganze Leben ist eine Revue. Eine raffinierte Choreografie sorgt für dauernde Bewegung. Doch eigentlich passiert nichts. Man darf es bloß nicht merken. Die Form ersetzt den Inhalt, das Ritual die Gefühle, Ästhetik die Moral.

Deshalb tragen sie alle feinen Zwirn, deshalb agieren sie auf einer Revuebühne und zelebrieren ihre Begegnungen wie Show-Auftritte in Patrick Schlössers Inszenierung des Frank-Wedekind-Dramas „Der Marquis von Keith“, die im Kasseler Schaupielhaus vor vollem Haus Premiere hatte.

Der rechte Nährboden also für den Marquis von Keith, den Hochstapler, der die Münchner Society für sein Projekt eines märchenhaften Konzerthauses, den „Feenpalast“, begeistern und ihr mit einem fingierten Börsengang das Geld aus der Tasche ziehen will.

So weit, so banal, könnte man denken und argwöhnen, dass dieses Wedekind-Stück zu Recht selten gespielt wird. Doch Patrick Schlösser, der neue Oberspielleiter des Kasseler Schauspiels, widersteht der Versuchung, kurze Schlüsse zu ziehen. Etwa den, die politische Aktualität des Stücks in oberflächlichen Bezügen zu politischen Ereignissen zu suchen.

Eine Gesellschaft, die über die Stränge schlägt: Von links Bernd Hölscher (Sommersberg), Daniel Scholz (Raspe), Peter Elter (Hermann Casimir), Frank Richartz (Saranieff), Agnes Mann (Anna, Gräfin Werdenfels), Matthias Fuchs (Konsul Casimir), Anke Stedingk (Simba), Sebastian Klein (Marquis von Keith) und Birte Leest (Molly).

Die Künstlichkeit dieser gesellschaftlichen Sphäre übersetzt Schlösser in eine artifizielle Inszenierung, die sich virtuos verschiedenster Aktionsformen bedient: Er formiert die Gesellschaft zu choreografierten Schreittänzen, kommentiert die Handlung - das Wort „Feenpalast“ wird chorisch gehaucht, skandiert, geschrien, das Sehnsuchtsziel Paris mit Eiffelturm-Skizze und „Je t’aime“-Klängen illustriert - und lässt die Akteure auch mal aus der Rolle fallen.

Stummfilm-Videos illustrieren und raffen die Handlung, derweil sich das Geld, um das es immer geht, zu Glitzerkonfetti verflüchtigt und Keiths Präsentation der Feenpalast-Pläne zur Slapstick-Nummer wird.

Auflösungserscheinungen zeigen sich zuerst an der von Ben Baur entworfenen Showbühne, wenn es von der Decke rieselt, und in der erotischen Verwirrung, wenn sich die Akteure mit Attributen des jeweils anderen Geschlechts schmücken (Kostüme: Uta Meenen).

Aus diesem Show-Getriebe lösen sich die einzelnen Figuren immer wieder heraus und werden wie durch Spots beleuchtet. Eine großartige Leistung der Schauspieler, die allesamt Figuren spielen, die ihre gesellschaftliche Rolle nur spielen (siehe zweiter Text).

Am geradlinigsten erscheint ausgerechnet der Hochstapler Keith. Sebastian Klein lässt ihn zwar alle Register der Selbstinszenierung und Verführungskunst - und am Ende auch der Verzweiflung ziehen. Aber in seiner Lebensgier und dem Bestreben, sich zu etablieren, ist er doch berechenbar.

Einzig Molly (Birte Leest), die ihre authentischen Gefühle für Keith mit dem Leben bezahlt, erkennt in ihm das wahre Opfer der Gesellschaft: „Du bist ja so dumm! Von den gemeinsten, niedrigsten Gaunern lässt du dich übertölpeln!“

Alle anderen kriegen irgendwie die Kurve: Anna (Agnes Mann), die Geliebte, steuert den sicheren Hafen der Ehe an, der obskure Freund Ernst Scholz (Thomas Meczele) einen noch sichereren Ort: die Irrenanstalt. „Das Leben ist eine Rutschbahn“, sagt Keith zum Schluss. Doch was das Leben wirklich sein könnte, ist eine andere Geschichte. Langer Beifall, einzelne Buhs.

Von Werner Fritsch

Wieder am 10., 15. und 17.10. Karten: Tel.  056... .

Ensemble

Als Virtuose der Selbstdarstellung stattet Sebastian Klein den Hochstapler Keith mit dämonischen Zügen aus. Keiths Zusammenbruch gerät aber sehr theatralisch.

Laut, selbstbewusst, ein Multi-Showtalent - so agiert Agnes Mann zunächst als Anna von Werdenfels, lässt aber am Ende auch zarte Seiten aufscheinen.

Auf Zehenspitzen in Stiefeln, denen die Absätze fehlen, so sucht Thomas Meczele als Ernst Scholz mit großer Intensität nach Lebensglück - doch was treibt diesen Mann wirklich an?

Birte Leest lebt als Keiths Ehefrau Molly zwar echte Gefühle aus - erscheint aber doch (nicht nur durch ihr zweigeteiltes Kostüm) als gespaltene Persönlichkeit.

Franz Josef Strohmeier macht den Diener Sasha mit komödiantischem Talent zur Lachnummer mit Explosiongefahr.

Als dämonischer Springteufel mit aggressiver Körperpräsenz verleiht Frank Richartz dem Kunstmaler Saranieff eine eindrucksvolle Statur - und überzeugt auch in den kleinen Rollen als bayerischer Restaurateur Grandauer und Metzgerknecht.

Als gefährlich abgedrehten Erotomanen spielt Aljoscha Langel den Komponisten Zamrjaki. Weitere Rollen als Brauereibesitzer Ostermeier und Metzgerknecht.

Verklemmt und gedemütigt, aber böse: Bernd Hölscher als Literat Sommersberg, Baumeister Krenzl und Metzgerknecht.

Undurchsichtig, aber auch etwas blass erscheint der Kriminalkommissar Raspe verkörpert von Daniel Scholz. Als Simba, die urbayerische Frauengestalt, zeigt Anke Stedingk Bodenständigkeit in all ihrer Raffinesse.

Als Consul Casimir ist Matthias Fuchs ein Herrenmensch mit kleinen Geheimnissen.

Spätpubertäre Nöte und jugendlichen Größenwahn vereint Peter Elter als Gymnasiast Hermann Casimir auf eindrucksvolle Weise

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