Sein neues Album heißt "Life´s Blood"

Ein Leben ohne Schubladen: Reggae-Sänger Patrice im Interview

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Er spielt weltweit in ausverkauften Hallen, auf großen Festivals und gilt als Deutschlands erfolgreichster Reggae-Künstler: Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams heißt er eigentlich und nennt sich schlicht Patrice.

Kassel. Wenn Reggae-Sänger Patrice keine Musik macht, probiert er sich gerne als Handwerker aus. Weil das männlich ist, sagt er. Doch bleibt ihm dafür gerade nicht viel Zeit, er hat ein neues Album auf den Markt gebracht: „Life’s Blood“.

Es ist eine Musik, die kämpferisch und unbeschwert klingt. „Wir sollten alle angstloser in die Zukunft gehen. Und uns positionieren“, sagt er.

Manche Leute gehen in den Keller, um zu lachen, Sie gehen in den Schrank, um zu singen. Warum das?

Patrice: (lacht) Weil es da besser klingt. In meiner Wohnung in New York ist der Raumklang so hallig, da habe ich den Schrank umfunktioniert. Ich finde es wichtiger, den Moment und eine Stimmung einzufangen, als dass es gleich perfekt klingt.

Als Obama 2008 in Deutschland war, haben Sie vor seiner Rede die Stimmung in Berlin angeheizt. Würden Sie für Hillary Clinton oder Donald Trump singen?

Patrice: Nein, das würde ich nicht machen. Als Obama in Berlin war, war er ja nicht direkt im Wahlkampf. Ich fand seine Botschaft gut. Und es war für mich eine Möglichkeit, vor 200.000 Menschen zu spielen. Das war gigantisch.

...und nach solch einem Auftritt werden zu Hause wieder die Mülltüten rausgetragen?

Patrice: Klar! Ich mache alles Mögliche zu Hause. Letztens habe ich Jalousien angebracht. Ich versuche mich als Heimwerker, weil mir das so ein ganz neues Gefühl von Männlichkeit verleiht. Man sagt ja, meine Generation hat davon keinen Plan mehr. Aber ich finde es ziemlich cool, einen Hammer in der Hand zu halten. Wenn ich in New York bin, bin ich Vollzeit-Daddy.

„Life’s Blood“ (engl.: Das Blut des Lebens) ist der Titel Ihres neuen Albums. Was bedeutet der Albumtitel für Sie?

Patrice: „Life’s Blood“ steht für Wasser. Wasser ist neben Luft das Wertvollste, was wir haben. Oft messen wir Dingen, die nicht wirklich wertvoll sind, einen zu hohen Wert bei. Der Titel drückt aus, wofür wir leben sollten: Menschsein und sich nicht aus dem Leben herausnehmen - wie es viele tun.

Ihre Texte sind auch politisch...

Patrice: Meine Musik spiegelt meine Haltung wieder. Wenn ein Mensch politisch ist, soll seine Musik ruhig politisch sein. Es ist aber auch wichtig, Musik ohne Botschaft zu machen. Bei der man nicht denken muss und Spaß haben kann. Ich versuche, das zu kombinieren: Botschaft und Leichtigkeit.

Ist das mit der Leichtigkeit bei der politischen Stimmung in Deutschland leicht?

Patrice: Ich bin nicht der Auffassung, dass alles so schlimm ist. Es gibt ganz viel Gutes. Nur leider legen wir da nicht den Scheinwerfer drauf. Ich glaube, es wächst, was Energie bekommt. Ich will eine Plattform für positive Dinge bieten.

Wir Journalisten tun uns schwer, das, was Sie machen, in eine Schublade zu stecken. Es steckt viel drin: Reggae, Soul Hip Hop, Jazz ...

Patrice: Meine Musik ist eher der Schrank und nicht die Schublade. Ich habe meinen Stil Sweggae genannt. Und jetzt soll ich das immer definieren. Damit habe ich mir ins eigene Bein geschossen. Meine Musik definiert sich über Inhalte und stilistisch ist es eine kulturelle Best-of-Mischform von mir.

Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams. Drei Namen, drei Bedeutungen: Name des Vaters, der Schriftsteller war. Wiederkehrer. Freiheitsheld. Sie sagten, das habe Einfluss auf ihren Lebensweg genommen. Was wären Sie heute, hätte man Sie Kevin genannt?

Patrice: (lacht) Ich schätze, ich wäre auch Musiker geworden, aber ich hätte wohl ein Pseudonym gehabt.

Warum ist Reggae auch in Deutschland so beliebt?

Patrice: Ich glaube, weil die Musik auf natürliche Art mit den Menschen räsoniert - mit ihrem Herzschlag. In den 80er-Jahren waren alle auf Kokain. Damals war Discomusik perfekt, weil die Herzen schneller schlugen. In den 70ern war alles etwas langsamer, weil alle auf Gras waren. Jetzt ist es wie in den 80ern, es sind nicht alle auf Kokain, aber auf Kaffee und Zucker. Die Herzen schlagen etwas schneller.

Nervt es Sie, dass Reggae für viele vor allem Bob Marley ist?

Patrice: Ich habe mich daran gewöhnt. Es ist cool, dass auch die älteren Musiker verehrt werden. Niemand wird ausgegrenzt, weil er ab einem bestimmten Alter nicht mehr ankommt, wie beim Popmarkt. Ich kann die Musik also noch lange machen - so lange sie mich erfüllt.

Patrice: Life´s Blood (Supow Music), Wertung: Drei Sterne (von fünf)

Zur Person

Er spielt weltweit in ausverkauften Hallen, auf großen Festivals und gilt als Deutschlands erfolgreichster Reggae-Künstler: Gaston Patrice Babatunde Bart-Williams heißt er eigentlich und nennt sich schlicht Patrice. Der Reggaesänger (37) ist zwar in Köln geboren und verbrachte seine Jugend im Eliteinternat Schloss Salem, doch hat er auch Wurzeln in Sierra Leone. Heute lebt er in New York, Paris und Köln. Patrice hat zwei Kinder.

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