Leben in Plastikfolie: Festivalstart Bad Gandersheim

Teils sind die Möbel noch eingewickelt: Alice Susan Hanimyan (als Warja, von links), Luise Schubert (Anja), Daniel Printz (Jascha), Martina Maria Reichert (Ljubow), Dominika Szymanska (Dunjascha) und Dirk Weiler (Pjotr) in „Der Kirschgarten“ vor dem Bad Gandersheimer Dom. Foto: Jelinek

Die Domfestspiele eröffnen mit Anton Tschechows Drama „Der Kirschgarten"

BAD GANDERSHEIM. Das Leben ist in Plastikfolie gewickelt. Jeder Stuhl und Tisch, jedes Buch, jede Kaffeetasse. Die großformatigen Bilder von Kirschblüten und Kirschen. Sogar die Menschen kauern zu Beginn des bewegenden Theaterabends zum Auftakt der Domfestspiele Bad Gandersheim unter Bahnen von Wickelfolie. Mit diesem eindrucksvollen Bühnenbild von Sandra Becker (auch Kostüme) beginnt Christian Dolls Inszenierung von Anton Tschechows Drama „Der Kirschgarten“, die am Donnerstag von der fast ausverkauften Tribüne im Stehen beklatscht wurde.

Die Geschichte der Ljubow Ranewskaja (mit verletzlicher Grandezza: Martina Maria Reichert), die nach Jahren in Paris zurück auf ihr russisches Landgut kommt und nicht wahrhaben will, dass sie pleite und das Gut mit dem prächtigen Kirschgarten nicht zu halten ist, erzählt von Verdrängung, Stillstand und von emotionalen Fluchten in die vermeintlich sorglose Vergangenheit unter Kirschblüten.

Erst scheint alles nach Aufbruch auszusehen: Man streift die Folienbahnen ab, Champagner wird eingeschenkt. Jetzt soll das Leben wieder beginnen. Nur der reich gewordene Bauer und Geschäftsmann Lopachin (hier kein Fiesling, sondern herzensgut: Gunter Heun) mahnt – und macht einen konstruktiven Vorschlag, wie der Kirschgarten zu retten wäre. Der allerdings verhallt ungehört. Lieber liebkost Ljubow ihr altes Schaukelpferd.

Christian Doll und sein famos zusammenspielendes Ensemble balancieren ganz fein die melancholischen mit den komischen Momenten des Stücks aus, lassen die allgegenwärtige Grundtraurigkeit der Figuren immer wieder in überkandidelten Slapstick kippen, wenn etwa die Gouvernante Charlotta (Franziska Becker mit kirschblütenfarbiger Perücke und einem Wischmopp als Schoßhündchen) sich ein Clownsgesicht schminkt. Jeder hat seine Marotte, seine Schwäche. Großartig etwa Ljubows Bruder Leonid (Mario Gremlich), der eine leidenschaftliche Ansprache an einen alten Schrank hält.

Wie gern man in seiner eigenen Ergriffenheit schwelgt, macht auch ein schöner Running Gag deutlich: Die Figuren geben immer wieder Signale an die Bühnentechnik, fordern quer über die Zuschauerreihen hinweg, dass die Musikunterlegung an- oder abgestellt wird. Ein schön hintergründiger Hinweis darauf, dass wir unseren Stimmungen oder unserer Trägheit vielleicht doch nicht ganz so ausgeliefert sind, wie die Figuren das glauben wollen.

Das Wechselspiel von In-die-Gänge-Kommen und Abbremsen vor jeglicher Entscheidung/Handlung hat im ersten Teil auch kleinere Spannungshänger und findet am Ende einen Höhepunkt, wenn Gunter Heun als Lopachin zu Höchstform aufläuft. Er hat das Gut gekauft, im Überschwang reißt er die Bodenplatten raus. Einige, dann ebbt der Aktionsimpuls wieder ab. Lopachin will der geliebten Warja (Alice Susan Hanimyan) einen Antrag machen, bringt die Worte aber nicht über die Lippen. Und sie bricht vernichtet zusammen.

Die Familie will aufbrechen, das Gut verlassen. Man kommt aber nicht in die Gänge, verharrt in diesem Nicht-mehr und Noch-nicht.

Bis am Ende der steinalte Diener Firs (Christine Dorner in einer phänomenalen Charakterzeichnung von fürsorglich bis resigniert) in den Hallen vergessen wird. Endgültiger Stillstand – und mit einem letzten Glas Kirschmarmelade erlebt hier jemand endlich einen Moment puren Glücks.

Festspiele bis 24.7., Kartentelefon: 05382-73777.

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