Das Leben war trotzdem gut: Autorin Marion Brasch in Vellmar

Vellmar. „Ab jetzt ist Ruhe“ - fast wäre der Romantitel von Marion Brasch Montagabend Wirklichkeit geworden. Ein ironischer Moment: Der Lautsprecher im vollen ev. Kirchenzentrum in Vellmar funktionierte nicht.

Der Autorin, eingeladen vom Literaturverein Ecke und Kreis, blieb nichts übrig, als sich den Tücken der Technik zum Trotz auf den Tisch zu setzen und ohne Mikro zu lesen. Sie nahm’s gelassen und mit Humor.

Heiterkeit, die die Dinge in eine erträgliche Distanz rückt, kennzeichnet auch das hervorragende, viel gepriesene Buch der Redakteurin beim RBB-Sender Radio Eins: Braschs „Roman meiner fabelhaften Familie“, so der Untertitel, über eine Familie, die so fabelhaft nicht war. Vater Horst Brasch ist zeitweilig stellvertretender DDR-Kulturminister, ihr 16 Jahre älterer Bruder, Schriftsteller Thomas Brasch, siedelt nach der Biermann-Ausbürgerung mit seiner Freundin Katharina Thalbach nach Westberlin über. Auch zwei weitere Brüder - der eine Schauspieler, der andere Autor - rebellieren.

„Ich bin die Letzte, die noch lebt“, sagt die 51-Jährige. Die Mutter ist früh an Krebs gestorben, die Brüder haben „dieser blöde Alkohol“ und Drogen umgebracht. Dass ihr keiner „dazwischenreden kann“, wie sie spaßhaft sagt, ermöglichte ihr, sich im Roman zu verorten - irgendwo zwischen Anpassung und Auflehnung. „Es ist das Buch der jüngeren Schwester“, sagt Marion Brasch: niedlich, aber nicht ernst genommen. Sie bewundert die „schillernden, schönen, talentierten“ Brüder und bleibt doch beim Vater, dem gläubigen Katholiken, der im Exil glühender Kommunist wurde: „Ich habe ihn durch das Aufschreiben erst richtig kennengelernt.“

Im Vater-Söhne-Konflikt um den richtigen Weg zum Sozialismus erzählt sie die Geschichte der DDR im Kleinen, eines Staates, der krank war und erschöpft zusammenbrach.

Trotzdem: „Das Leben war gut“, betont Brasch, „nicht nur grau und trist.“ Es gab einen bunten Alltag, sie selbst hatte ihre Nischen: „Klingt komisch, aber ich bin dankbar für diese Familie.“ Brasch wehrt sich gegen Schwarz-Weiß-Denken: „Es gibt 17 Millionen Geschichten aus diesem Land zu erzählen.“ Sie selbst hat eine besonders eindrucksvolle beigesteuert.

Von Mark-Christian von Busse

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. S. Fischer, 400 S., 19,99 Euro.

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