Neu im Kino: Kraftvolle Porträts junger Menschen und ihrer Suche nach der Liebe entwirft „London Nights“

Das Leben als ungemachtes Bett

Das Glück einer neuen Affäre: Der Namenlose (Michiel Huisman) und die romantische Vera (Déborah Francois) im Hotelzimmer. Foto:  nh

Über die wichtigen Dinge lässt sich leichter sprechen, wenn man einen Antilopenkopf trägt. So geht es Vera (Déborah Francois) auf einer großen Tierkostüm-Party. Mit der Savannentier-Unterstützung aus Pappmaschee flippt sie nicht mehr durch die Straßen Londons wie verloren und vergessen, sondern spricht endlich über ihre Angst, die gerade gefundene Liebe wieder zu verlieren.

Der argentinische Filmemacher Alexis dos Santos („Glue“) gibt in seinem Film „London Nights“ (im Original schöner: „Unmade Beds“ - ungemachte Betten) dem Lebensgefühl einer globalisierten Jugend um die 20 eine wunderbar assoziative Form. Mit Handkamera und Super-8-Sequenzen, mit Polaroids und viel krachig-schöner Musik entwirft er die Porträts zweier junger Menschen. Vera ist aus Belgien nach London gekommen, um eine kaputte Liebe zu vergessen, Axl (Fernando Tielve) aus Spanien will den Vater suchen. Doch vor allem sind sie auf der Suche nach sich selbst. Wer will ich sein? Wie will ich leben und lieben?

In einem besetzten Haus schlüpfen Vera und der Spanier Axl unter, dort wird zusammen gefrühstückt, getrunken, getanzt und manchmal landen auch Bewohner miteinander im Bett. Die Einsamkeit verschwindet aber nicht, zu vielfältig sind die Möglichkeiten, ein neues Ich zu entwerfen - das ist zentrales Lebensgefühl von dos Santos kraftvoll-rohem Stoff und Stil.

„Habe ich die Gelegenheit verpasst, mich zu verlieben?“, fragt sich Axl nach dem Antilopenkopf-Gespräch mit Vera.

Vera und ein schöner Unbekannter (Michiel Huisman) wagen derweil ein Experiment: Sie beginnen eine Affäre und legen die Regel fest, dass keiner Name oder Telefonnummer des anderen kennen darf. Man streift über den Markt und entdeckt im Hotel den Körper des anderen. Frei wollen sie bleiben und das Aufregende der Anonymität genießen. Doch es klappt nicht. Das Herz sehnt sich nach Nähe. Das merkt Vera aber erst, als der Unbekannte verschwunden ist. Die großen Ich-Ideen müssen eben in die Realität eingepasst werden. Wie viel Mut das braucht, beweisen Axl und Vera.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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