Um Sklavenhaltung geht es in Toni Morrisons Roman: „Gnade“

Ein Leben in Würde

Literarische Stimme des schwarzen Amerikas: Toni Morrison. Foto:  dpa

Es ist eine widerwärtige Schau des Fleisches. Jacob Vaark, Farmer und Geldverleiher, empfindet das auch so. Wir schreiben das Jahr 1682. Es ist Pionierzeit in Amerika, und Toni Morrison zeichnet Vaark als intuitiv reflektierten Menschen mit einigem Gerechtigkeitssinn.

D’Ortega, Vaarks Schuldner und portugiesischer Pflanzer von adligem Geschlecht, lässt seine Sklaven in Linie Aufstellung nehmen. Er weist auf ihre Vorzüge hin und schweigt „zu den Narben, den Verletzungen, die sich wie falsch verlaufende Venen auf ihrer Haut abzeichnen“.

Die männlichen Sklaven blicken zu Boden, aber wenn sie sich unbeobachtet fühlen, taxieren sie argwöhnisch ihren Herren und auch Vaark, dem bald speiübel wird - ein junges Mädchen kauft er trotzdem. Es heißt Florens. Hauptsächlich ihre sanfte, nach Erklärungen in einer wirren Welt tastende Stimme trägt uns durch Morrisons jüngstes Buch „Gnade“.

Der neunte Roman der großen afroamerikanischen Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin variiert ihre wichtigsten Themen: Sklavenhandel, Kolonialherrschaft und Rassismus. Sie wirft Fragen nach Würde und Selbstbestimmung in Zeiten der Gewalt auf.

Im politischen Engagement von Morrisons Literatur liegt ein Teil ihrer schriftstellerischen Größe, was einen Vergleich mit der Literatur des Südafrikaners J. M. Coetzee lohnenswert erscheinen lässt. Indes ist Morrisons Blick auf die Welt nicht so gnadenlos wie der ihres Kollegen. Die 1931 geborene Autorin, die aus einer früheren Ehe zwei Söhne hat, sucht nicht zuletzt nach Verständnis und Erbarmen - und nach Liebe.

Jacob Vaarks Farm liegt im Norden, und als er an den Blattern stirbt, bleiben außer Florens drei weitere Frauen zurück. Rebekka, Jakobs in England gekaufte Ehefrau, das indianische Dienstmädchen Lina, das etwas einfältige Waisenkind Sorrow und Florens bilden eine kuriose Gemeinschaft.

Lebensbedrohliche Gefahren gehen von der Kirche und von Gutsherren aus, vom Wetter und wilden Tieren. Sie müssen sich zusammenraufen, was gar nicht leicht ist, denn sie sind sehr verschieden, und die Geister die Vergangenheit - Traumata, die Morrison schrecklich lebendig werden lässt - fordern ihren Tribut von allen.

Doch das Modell funktioniert, gemeinschaftlich wächst man aneinander, in Würde. Ob diese Vorstellung nicht etwas weit in einen fabulösen Horizont utopischer Möglichkeiten in unmöglichen Zeiten ragt, wäre ein naheliegender Einwand. Andererseits: Ist Morrisons literarisches Beharren auf dem schwer Vorstellbaren, für das sie eine so schlichte wie schöne Sprache findet, nicht genau das, wofür man die Autorin gemeinhin schätzt? Sollen ruhig andere Schriftsteller die Realität nachahmen.

Toni Morrison: „Gnade“, Rowohlt, 224 Seiten, 18,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Michael Saager

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