Er liebt die künstlerische Vielfalt: Der Grafiker, Maler, Bildhauer und Schriftsteller Gerhart Fuhr wird 80

Ein Lebensabend in kreativer Unruhe

Hier entstehen Ideen: Gerhart Fuhr in seiner Künstlerwerkstatt beim Bearbeiten eines Specksteins. Foto: Ludwig

Kassel. Nur im Klo herrscht Kunstpause. Es ist der einzige Raum seines Hauses, in dem Gerhart Fuhr seine vielseitige Kreativität nicht zur Schau stellt. Der umtriebige Künstler und Schriftsteller aus dem Philippinenhof, der heute 80 Jahre alt wird, verbringt seinen Lebensabend in kreativer Unruhe. Oft wacht der dreifache Vater und zehnfache Großvater nachts auf, hat eine Idee und notiert sich diese.

Hinter Fuhrs Haustür stößt der Besucher weder auf Garderobe noch Flur, nein, hier beginnt die häusliche Galerie. Abstrakte Tusche-Grafiken, mit Spachteltechnik bearbeitete Leinwände, experimentelle Fotografien und kraftvolle Collagen, die geometrischen Gesetzen gehorchen. Auf den Fensterbänken hocken 50 Specksteinfiguren - wer Figuren erkennen will, sieht sie, für den Rest bleiben sie abstrakt. Im Bücherregal gut 30 Bände mit eigenen Kurzgeschichten, Gedichten und Alltagsbeobachtungen mit satirischem Blick. Alle sind aus eigener Hand - über deren Ruhe der 80-Jährige selbst staunt - illustriert.

Gerhart Fuhr hat sein Haus zum Gesamtkunstwerk gemacht, er stellt nur noch selten aus. Dabei fand der gebürtige Darmstädter, der seinerzeit zum Grafikdesign-Studium nach Kassel kam, erst im Ruhestand wieder die Zeit zum Malen, Schreiben, Gestalten und Fotografieren. Dazwischen lag ein Arbeitsleben für die Kirche. Fuhr, der später noch Sozialpädagogik studierte, arbeitete in leitenden Funktionen für den CVJM, das Diakonische Werk und die Evangelische Altenhilfe Hofgeismar.

Als Fuhr dann 1992 in den Ruhestand ging, war ihm eines klar: „Ich bin nicht der Typ, der auch noch den letzten ungewollten Grashalm im Garten rupft.“ Er stürzte sich in Kunst und Literatur, und bei allem, was er bislang tat, war es das Wachsen, das Gestalten, das für ihn zum Abenteuer mit ungewissem Ausgang wurde. Was seine Ausdrucksformen verbindet? „Der bewusste Zufall, das nicht ganz Fertige.“

Seit seine Frau Magdalene nach 51 Ehejahren 2009 gestorben ist, wurde Kunst für ihn auch Ruhepunkt und Fluchtort. „Specksteine sind meine Beruhigungstabletten. Das Hobby lässt mich vergessen“, sagt Fuhr. Obwohl es sich auf Fensterbänken und an Wänden drängelt, ans Aufhören denkt der Rentner nicht. So wird er noch häufig nachts aufwachen und zum Stift greifen.

Kontakt: 0561/ 85820.

Von Bastian Ludwig

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