Theaterstück: „Lucky Happiness Golden Express“

„Lucky Happiness Golden Express“: Lebensbilanz im Chinarestaurant

Kassel. Noah Haidles kluges, tiefgründiges und immer wieder auch witziges Theaterstück „Lucky Happiness Golden Express“ spürt diesen Momenten nach – und der abgrundtiefen Leere dazwischen. Die Welturaufführung am Freitagabend wurde am fast ausverkauften Kasseler Schauspielhaus euphorisch gefeiert.

Noah Haidles kluges, tiefgründiges und immer wieder auch witziges Theaterstück „Lucky Happiness Golden Express“ spürt diesen Momenten nach – und der abgrundtiefen Leere dazwischen. Die Welturaufführung am Freitagabend wurde am fast ausverkauften Kasseler Schauspielhaus euphorisch gefeiert.

Thomas Bockelmann inszeniert einen berührenden, bilderstarken Abend mit stilistischen Anleihen bei Film und den Bildern Edward Hoppers mit ihrem poetischen Seitenlicht und der fast greifbaren Einsamkeit (Bühne im Breitwandformat: Etienne Pluss, Licht: Oscar Bosman).

Der 34-jährige Amerikaner Noah Haidle erzählt von einer Familie, mit der sich viele Zuschauer werden identifizieren können. Die Töchter stellen desillusioniert fest, dass ihre alten Eltern Hilfe brauchen: Vater hat einen Schlaganfall, Mutter wird dement. Haidle schneidet innere Monologe und verschiedene Zeitebenen kunstvoll ineinander. So erlebt die alte Mutter im Hotelzimmer einen Erinnerungsflash und sieht ihre Hochzeitsnacht vor sich, während sie gleichzeitig mit ihrer genervten Tochter um die Abreise streitet.

Karin Nennemann spielt die alte Vivian mit umwerfender Zartheit und einer entrückten Aura, als würden die Gesetze der Schwerkraft für sie nicht mehr gelten. Alina Rank ist Tochter Andrea, die mit letzter Kraft die Schultern straff zieht und spürbar macht, dass sie die zermürbenden Geplänkel mit der Mutter schon tausendmal durchexerziert hat. Wenn sie dann unverhofft einen Moment echter Nähe erlebt, kommen einem auch im Parkett fast die Tränen.

Auf dem Hotelbett sehen wir zeitgleich Bernd Hölscher und Christina Weiser als junges Brautpaar Andrew und Vivian in ihrer glückverheißendsten Nacht. Außerdem spielen die beiden mit viel Sinn für ausgefeilte tragikomische Charakterminiaturen noch Andrews Schwiegersohn, seinen Bruder, seine andere Tochter Thump, einen Kellner und eine Kellnerin.

Heiko Schnurpel untermalt die Perspektivwechsel mit elektronischen Sounds, Ulrike Obermüller hat Kostüme gestaltet, denen ein gewisses Abgehalftertsein kaum merklich eingeschrieben ist.

Im trashigen Chinaimbiss Lucky Happiness Golden Express sitzt in der letzten Szene Jürgen Wink als alter Andrew in der Kunstleder-Eckbank bei Huhn Kung Po und einem Schirmchendrink (auch so eine Glücksverheißung, die im Grunde todtraurig ist) und möchte mit aller Kraft jenen Moment zurückholen, an dem seine Familie zerbrochen ist: Als Vivian sie verließ.

Winks Andrew stemmt sich gegen die Resignation. Er sieht in unbarmherziger Klarheit sein leeres Leben und will zugleich nicht zulassen, dass die Traurigkeit ihn überwältigt. Schließlich kann nur noch eins den Schmerz lindern: ein letzter Kuss.

Wieder am 29.9., 1., 6.10.

Von Bettina Fraschke

Rubriklistenbild: © Foto: Klinger

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