„Never Sorry“

Interview: Alison Klayman drehte eine Doku über den chinesischen Künstler Ai Weiwei

Protestgeste mit jungen Anhängerinnen: Ai Weiwei steht überall im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Foto:  Verleih

Alison Klayman beginnt das Zeitungsgespräch über ihren Dokumentarfilm „Never Sorry“ mit einem Leuchten in den Augen: Endlich sei sie in Kassel, in der lang ersehnten Stadt, in die der chinesische Künstler Ai Weiwei 2007 zur documenta 1001 Chinesen brachte.

Ihre Dokumentation „Never Sorry“ über Ai Weiwei startet heute in den Kinos - ein Großprojekt, „in den USA in ähnlich vielen Filmtheatern wie Filme von Michael Moore. Mehr geht für Dokumentarfilme nicht“.

Wie kamen Sie so nah an den berühmtesten chinesischen Künstler heran?

Alison Klayman: Durch Zufall. Ich zog 2006 nach China, war auf einem Abenteuertrip nach dem Studium. Meine Mitbewohnerin in Peking arbeitete 2008 an einer Ausstellung über Ai und schlug mir vor, ein Video dafür zu machen. Da ging es um seine jungen Jahre in New York, so traf ich ihn also und filmte, wie er durch seine Fotosammlung blätterte. Dieses Projekt hat sich dann enorm ausgeweitet.

Und Ais politische Arbeit rückte in Ihren Blick?

Klayman: Natürlich, ich habe ihn schon nach zwei Tagen gefragt, warum er nicht im Gefängnis ist.

Was sagt er dazu?

Klayman: Er sagt, wenn die wollen, können sie mich jederzeit aus dem Verkehr ziehen. Und, ich ergänze: Das hat das Regime ja vor einem Jahr auch getan. Er steht noch bis 22. Juni unter Hausarrest, darf zwar an die frische Luft, muss sich aber jedes Mal abmelden.

Warum hat sich Ai Weiwei darauf eingelassen, diese große Doku mit Ihnen zu machen?

Klayman: Ai Weiwei war klar, dass der Film, wie er auch wird, das Bild verändern wird, das der Westen von China hat. Und das war ihm wichtig.

Ist es schwierig, einen Termin bei ihm zu bekommen?

Klayman: Große Interviews muss man absprechen. Aber ich konnte jederzeit vorbeikommen und filmen. Ich musste nicht fragen. Ai erlaubte mir sogar, meine Ausrüstung bei ihm zu lagern. Allerdings verschlossen - nicht wegen möglicher Repressalien, sondern weil die Katze immer darauf pinkeln wollte.

Ist Ai Weiweis Leben wirklich so öffentlich?

Klayman: Ja. Nicht nur, weil er praktisch im Internet lebt. Ich musste mir die Frage stellen, was ich für ein Bild zeigen will, welchen Ausschnitt ich wähle. Zeige ich ihn, wie er etwas sagt oder twittert, oder zeige ich ihn, wie er dabei gefilmt wird. Er hat immer seinen eigenen Videomann dabei. Manchmal kamen noch andere Dokumentarfilmer, dann kam ich und oft die Polizei, die uns beim Filmen filmte, was wir wiederum filmten.

Den Familienmenschen zeigen Sie aber auch, Sie filmten sogar seinen kleinen Sohn.

Klayman: Ja, das war schwierig, der ist nicht von seiner Frau. Ich brauchte dazu seine Erlaubnis, wollte das nicht mit der Mutter allein verabreden.

Eine wichtige Szene ist, wie Ai Weiwei zur Polizei nach Chengdu fährt, um Anzeige zu erstatten, weil er dort 2009 von Polizisten zusammengeschlagen worden war. War dieser Dreh problematisch?

Klayman: Ich konnte in der Wache drehen. Erstaunlich, so etwas wäre in den USA undenkbar. Wir haben uns erst im Hintergrund gehalten, weil wir mit unserem Projekt Ai nie gefährden wollten, ich hatte nur ein Mikro an seinem Revers und zeichnete Ton auf. Dann konnte ich aber einfach rein. Hinterher wurde ich allerdings aufgefordert, mein Material zu vernichten, da gelang es mir aber, nur eine leere Kassette zu löschen.

Wie verändert sich China?

Klayman: Man kann noch nicht sagen, wohin es sich entwickelt. Ai hat recht, wenn er sagt, soziale Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle. Der Staat kann die kaum kontrollieren. Auch durch seine internationale Rolle verändert sich China. Die globale Wirtschaft setzt viel Hoffnung auf China, das Land ist sich dessen bewusst, und das löst Veränderungen aus. Trotzdem gibt es noch keine Meinungsfreiheit.

Was macht Ais Charisma aus?

Klayman: Er nimmt sich selbst nicht zu ernst. Er ist spontan und liebt Späße.

Die Filmkritik: Never Sorry

Wie ein Künstler sieht er sich nicht, sagt Ai Weiwei in Alison Klaymans eindrucksvollem Dokumentarfilm „Never Sorry“. Mehr wie ein Schachspieler. Er macht einen Zug, die andere Seite macht einen Zug. Im Umgang mit dem System kann er nur taktieren. Und tut das mit großer Entschlossenheit. Obwohl sein Haus überwacht wird, er von Polizei zusammengeschlagen wurde, macht er weiter. Bloggt, twittert, entwickelt Kunst.

Angst hat er schon, das sagt er Klayman auch in großer Klarheit und Bescheidenheit. Aber wenn man nichts täte, würde die Bedrohung immer größer werden.

Klayman begleitet Ai drei Jahre lang. In seinem Atelier und mit seiner Familie - auch mit dem süßen Söhnchen, das er mit einer anderen Frau bekommen hat.

Wir sehen ihn im Erdbebengebiet, in London, wo er die Installation mit Sonnenblumenkernen gezeigt hat, in München im Krankenhaus. Nicht in Kassel. Es gibt historische Bilder aus seinen New Yorker Anfängen (Ai im Popper-Outfit - charmant), und es gibt Aussagen von Weggefährten und Familie. Eine stringente Dramaturgie kann es hier nicht geben, der Film mäandert etwas.

Am beeindruckendsten sind die Szenen, wo wir in Echtzeit erleben, wie Ai sich mit der Staatsmacht auseinandersetzt und darüber twittert. Die Tweets werden eingeblendet - hier wird sowohl sein politischer Weg ganz deutlich, wie auch die Kraft des Internets. Bettina Fraschke

Zur Person

Alison Klayman (27, aus Philadelphia) zog nach dem Studium 2006 nach China. 2008 bis 2010 begleitete sie den Künstler Ai Weiwei. Ihr Lebensgefährte war Ko-Produzent. Sie lebt in New York.

Von Bettina Fraschke

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