Neu im Kino: Anton Corbijns Killerporträt „The American“ mit George Clooney

Die Leere als Zufluchtsort

Flucht in die Einsamkeit: Jack (George Clooney) in einem italienischen Dorf in den Abruzzen. Foto:  Tobis/ nh

In der Dorfkneipe läuft der Fernseher, und hinter den Karotischdecken und der kalten Neonbeleuchtung flimmert Sergio Leones Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ über den Bildschirm. Die markante Mundharmonikamelodie schwebt über dem tristen Ort, und die Hoffnungslosigkeit aus dem Western-Meilenstein geht nahtlos in die der italienischen Provinzpinte über.

George Clooney sitzt brütend in dieser Bar. In Anton Corbijns Film „The American“ spielt er den schweigsamen Profikiller Jack, der sich in einem Bergdorf in den Abruzzen versteckt und von seinem Auftraggeber strikte Anweisung hat, mit niemandem Kontakt aufzunehmen.

Starfotograf Corbijn erweitert nach „Control“, seinem Film über Joy-Division-Frontmann Ian Curtis, seine Expedition in die Filmkunst. Er gestaltet hier streng komponierte Bilder der Leere, selbst die kahle Berglandschaft wirkt abweisend und lebensfeindlich. Durch verlassene Gassen streift Jack, Münztelefone sind sein einziger Draht zum Leben. Nicht mal tiefen Schlaf gönnt er sich auf seiner kargen Pritsche. Die Verfolger könnten überall sein.

Über die Hintergründe seiner Flucht ist wenig zu erfahren. Der Vorspann zeigt ein kurzes Liebesglück in Schweden, eine trügerische Sicherheit, die nach einer Schießerei mit drei Toten jäh zerstört ist. Wer diesen Mann verfolgt und warum, wird nie ganz aufgeklärt. Optisch und atmosphärisch ist das anspruchsvoll und spannend gemacht. Einen Auftrag soll Jack noch ausführen, er baut ein Spezialgewehr. Abends geht er ins Bordell und philosophiert mit dem Pfarrer: gefährliche Momente der Menschlichkeit.

Auch George Clooney überzeugt - wie gut, dass dieser großartige Schauspieler den Wechsel aus dem Frauenschwarm-Fach zum Charakterdarsteller endgültig vollzogen hat. Mit feiner Mimikbeherrschung und einer Aura der Verbitterung baut er das Image eines Killers auf, dessen Schicksal einem nahegeht. Vergleiche mit Genregrößen wie Steve McQueen oder Alain Delon sind absolut angemessen.

Doch die präzise gebaute Inszenierung, die fein nuancierte Stimmungswechsel wie ein Uhrwerk ineinandergreifen lässt, schwächelt immer an jenen Stellen, wo es emotional und warmherzig werden soll. Mit der Prostituierten Clara, bei Jacks Versuchen, aus der tödlichen Auftragsmaschinerie auszubrechen und besonders am Ende, als ein computergenerierter Schmetterling als behauptetes Symbol für Erlösung ins Himmelblau flattert - da geht’s doch unnötig klischeebeladen zu.

Genre: Thriller

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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