„Interventionen“: Zum zehnten Mal stellen im Regierungspräsidium Studierende der Kunsthochschule aus

Die Leiche in der Behörde

Übergang in eine eigene Welt: Maryna Miliushchanka in der mit Papierstreifen zugeklebten „Brücke“ im RP. Fotos: Herzog 

Kassel. Es dauerte nur wenige Stunden, als die Studenten aus der Kunsthochschule mit dem Aufbau für die „Interventionen“ im Regierungspräsidium (RP) begonnen hatten, da klingelte bei Pressesprecher Michael Conrad, der die Ausstellung vonseiten des RP organisiert, das Telefon.

Was der Arbeitsschutz dazu sage, fragte ein Kollege, dass auf den Fluren Fußmatten aus zerflossenem Fruchtgummi ausgelegt würden? Was er tue, wenn der erste Besucher stolpere und sich die Knochen breche?

Die künstlerische Arbeit „faire du sûr place“ („Mach es sicher vor Ort“) von Flaut M. Rauch („ich bin in meiner Haribo-Phase“) ist ein schönes Beispiel dafür, wie die gestern Abend eröffneten „Interventionen“ in den Behördenalltag eingreifen, intervenieren. Stören, irritieren, amüsieren und begeistern.

Als Rauch in den Büros um Zustimmung bat, habe es merkwürdige Gespräche gegeben, „das hätte man filmen müssen“. Nun haben einige vorübergehend ihre individuelle Türschwelle. Seinen Arbeitsplatz richte man sich ja auch persönlich ein, sagt Rauch.

Zum zehnten Mal erfordert die Kunst im RP Aufmerksamkeit. In vielerlei Hinsicht. Man muss genau hinsehen. Auf Judith Groths Fotografie eines nächtlichen Picknicks übersehen die meisten Betrachter ein entscheidendes Detail: den in Plastik verschnürten menschlichen Körper. Nun liegt die „Leiche“ hinter Grünpflanzen im Treppenhaus versteckt.

Es habe „viel Kraft gekostet“, „Interventionen“ zu etablieren, sagt Michael Conrad. Doch über die Jahre seien Zustimmung und Aufgeschlossenheit gewachsen. Immer im Sommer suchen RP-Mitarbeiter beim Rundgang der Kunsthochschule junge Künstler aus, die sie einladen. Es sei jedes Mal spannend, wie sich das Haus verändert, sagt Regierungsvizepräsident Hans-Peter Conrad: „Ich möchte ,Interventionen‘ nicht mehr missen.“

Für die Studierenden bedeutet die Ausstellung, an deren Konzeption diesmal Günter Stangelmayer und Nadja Schulze beteiligt waren, sich „auf einen Marktplatz“ zu begeben, so der Maler Robert Sturmhoevel. Die Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Videoarbeiten und Installationen stehen nicht im weißen Raum für sich; sie müssen dem Alltag, Beschilderungen und bunten Farben standhalten.

Oder sich auf den ungewohnten Raum beziehen. So wie Tao Xias Pappgebilde, das er im Treppenhaus platziert hat. Theresa Rieß hat Putz von den Wänden genommen: Zum Vorschein kommen frühere Schichten mit eigener Struktur, „konzeptuelle Malerei“.

Am meisten Aufwand hat Maryna Miliushchanka betrieben: Sie hat eine Woche lang 25 Bücher in Streifen geschnitten und in der sogenannten „Brücke“, einem gläsernen Übergang, an die Fenster geklebt. „Auch das ist eine Intervention“, sagt die Künstlerin: „Ich wollte eine Brücke in eine andere Welt kreieren.“

Bis 29. März, Mo bis Fr 8-19 Uhr. Führungen Di, 8. und 22. März, 17.30 Uhr. Treffpunkt: Eingangshalle. Es gibt einen Lageplan und einen Katalog.

Von Mark-Christian von Busse

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