Die kanadische Sängerin und Komponistin Feist sorgt mit ihrer neuen CD „Metals“ für Begeisterung

Leichte Erde, schwere Luft

Kunstvoll und konzentriert: Die Kanadierin Leslie Feist macht anspruchsvolle Popmusik. Foto:  Universal

Es fühlt sich an wie sanft aufkommender Wind an einem milden Abend. Einem Abend eher nachdenklicher Gefühle und zerbrechlich-zärtlicher Gedanken. Aus dem Hintergrund dringt perkussives Rascheln und wird rasch eine Prise lauter. Eine melancholische, leicht komplizierte Melodie auf der Gitarre erklingt, begleitet von einem sacht bespielten Xylofon.

Dann die behutsame Verdichtung durch subtile Sphären, und kurz darauf die ersten Streicher. Alle bleiben beim Thema, umkreisen es, schreiben es fort. „Caught A Long Wind“ heißt dieser dritte Song auf Leslie Feists jüngstem Album „Metals“, das gewiss - an einem nebligen Morgen im Herbst darf man so was schreiben - zu den zehn schönsten des Jahres zählt.

Der „aufkommende Wind“ ist natürlich nur rahmender Auftakt; er führt zum Zentrum, zur Seele: zum Gesang der 35-jährigen kanadischen Songwriterin, der längst nicht so zerbrechlich ist, wie man es erwarten könnte. Und schon gar nicht plump verzärtelt. Auch „splitterndes Glas“, eine beliebte Metapher für Feists Gesang, fällt einem nicht ein.

Die Independent-Künstlerin Feist, deren steile Karriere sich nicht zuletzt einer Apple-Produktwerbung verdankt, zu der das Stück „1234“ ihres Albums „The Reminder“ (2007) erklang, hat sich nicht verkrochen. Sie hat sich einfach zurückgezogen: in die Garage ihres Hauses in Toronto, um die neuen Songs zu schreiben. Anschließend zog sie mit ihren kanadischen Freunden Mocky (der arrangierte) und Chilly Gonzales (der produzierte und Klavier spielte) in die Scheune einer befreundeten Künstlerin nach Big Sur, an die wilde, zerklüftete Küste Kaliforniens.

Dort nahm man sie auf, diese bemerkenswerten Stücke, die nur einfach scheinen, in Wirklichkeit aber raffiniert gebaut sind und mit viel Liebe zum Detail arrangiert wurden. Weshalb man sie anscheinend unzählige Male spielen kann. Immer wieder. Reduzierter Psych-Folk, Bluegrassartiges und feinsinniger Art-Pop à la Kate Bush sind zu hören. Es gibt Songs, die sich in der Tradition des Gospels bewegen. Dann und wann, nicht zu oft, schwillt etwas an und entlädt sich, spritzt hell-dunkel auf wie Gischt am Pazifik - Ho-Ho-Ho-Chöre etwa, Galeeren-Trommeln und Streicher-Crescendi. Dann ist wieder Ruhe. Man könnte jetzt seltenen Vögel lauschen - dem kalifornischen Kondor vielleicht.

Stücke wirken groß

Hören, zuhören, nachdenken, versinken, auf den Grund schauen. Dazu lädt Leslie Feists Stimme ein. Eine ausgesprochen sonore Gesangsstimme, die alles dafür tut, um den Stücken jene Form zu geben, die sie brauchen, damit sie groß werden, ohne riesig zu erscheinen.

Es ist erstaunlich: Gleich, ob sie scharfkonturiert singend erzählt, im Vibrato-Hauch dahingleitet oder soulig jauchzt, sie berührt immer, und nie ist es einem peinlich. Sie klagt, ohne eigentlich zu klagen. Sie liebt, nimmt, gibt, ist traurig und verzeiht. Sie schwebt über den Dingen und steckt mittendrin. Leslie Feists Stimme, ihr Gesang, ist wie leichte Erde. Wie schwere Luft.

Feist: Metals (Polydor / Universal). Wertung: !!!!!

Von Michael Saager

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