Leiden beim Maskenbaal: Maik Priebe inszeniert Brechts Drama im tif

Er liebt Männer und Frauen: Der romantische Misanthrop Baal (Uwe Steinbruch, rechts) mit Johannes (Peter Elter). Foto:  Ketz

Kassel. Als es anfängt zu regnen, ahnt Baal, dass er und die Gesellschaft nicht mehr zueinanderfinden werden. „Du sinkst immer tiefer“, sagt sein Freund Ekart (Alexander Weise) zu Bertolt Brechts Titelheld (Uwe Steinbruch), der trocken antwortet: „Ich bin zu schwer.“

Der Regen lässt den Schriftsteller nicht versinken, es sind die Menschen und vor allem auch er selbst, an denen er zugrunde geht.

Brechts 1918 verfasstes Drama, das Regisseur Maik Priebe für das Kasseler Staatstheater mit großen Ideen auf die kleine Bühne des tif gebracht hat, ist aus heutiger Sicht eine etwas öde Leidensgeschichte. Schon in der ersten Szene wirkt der Dichter wie ein Rebell ohne Grund: Der Großkaufmann Mech (Thomas Sprekelsen) lässt ihn in seiner noblen Abendgesellschaft auftreten. Doch trotz aller Bewunderung, die ihm entgegenschlägt, benimmt sich Baal ziemlich daneben.

Später fängt er etwas mit Mechs Frau (Eva-Maria Keller) an. In einer Dorfkneipe zwingt er sie, einen Kutscher zu küssen. Ähnlich bescheuert behandelt er andere Frauen wie Johanna (Alina Rank), die junge Freundin eines Bewunderers. Als er genug von ihr hat, stürzt sie sich in den Fluss. „Baal ist asozial in einer asozialen Welt“, schrieb Brecht einst.

Als Zuschauer geht einem der Macho-Narzissmus von Baal und dessen Freunden auf die Nerven, was Brecht mit seinem antiillusionären Theater auch so beabsichtigt hat: Der Zuschauer sollte sich mit dem Stück nicht identifizieren. Die zwischendurch eingestreuten Chöre und Lieder, die als Mittel der Verfremdung ein Vorgriff auf Brechts späteres Episches Theater darstellen, verstärken diesen Effekt.

Dass Priebes Inszenierung trotzdem nicht versinkt, liegt zum einen an Uwe Steinbruch, der als Baal eine Wucht und wesentlich älter ist als der Held in Brechts ursprünglicher Fassung. Für die alten Phönizier im heutigen Syrien stand sein Name einst für den Fruchtbarkeits-, Regen-, Gewitter- und Sturmgott. Und genau so muss man sich Steinbruchs Spiel vorstellen. Am Ende der Premiere bekam er ebenso besonderen Applaus wie Judith van der Werff, die als Gast bei ihrem ersten Auftritt in Kassel unter anderem als Baals geschwängerte Freundin Sophie zu sehen ist.

Insgesamt gibt es 30 Rollen an 15 Schauplätzen. Jeder der acht Akteure inklusive Musiker Alexander Suckel spielt mindestens drei Figuren. Die Orte auf der von Susanne Maier-Staufen genial konzipierten Bühne stellen sie selbst her. Dafür nehmen sie einfach die Holzplatten, die an Rohren unter der Decke hängen und bauen neue Wände. Den Boden bedeckt feines Granulat, das mit jedem schlurfenden Schauspieler neue Muster bildet.

Die Bühne ändert sich damit so oft wie Baal sein Gemüt, denn der kann auch zärtlich und humorvoll sein. Irgendwann tropft es aus den Rohren, und Baal und Ekart sitzen bald an einem kleinen Fluss auf der Bühne. Gegen Ende tragen gar alle Stierköpfe vor ihren Gesichtern (Kostüme: Ulrike Obermüller). Da ist aus Baal ein Maskenbaal geworden.

Wieder am 31. Mai sowie 1., 14. Und 20. Juni, tif. Karten unter 0561/1094-222.

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