Gustav Ruebs zeitnahe Inszenierung von Goethes Künstlerdrama im tif

Die Leiden des jungen Tasso

Der Dichter im Holzzuber: Björn Bonn spielt den sensiblen Künstler Torquato Tasso. Foto: Ketz

Der Herzog post lässig mit Bulldogge Lola, dem heimlichen Star der Premiere. „Man gönnt sich Kunst“, erklärt Leonore Sanvitale, Prinzessin Leonore von Este hingegen beweist ungewöhnliche Ehrlichkeit: „Schnickschnack Kunst, ich bin nur auf Tasso scharf.“ Die Positionen sind besetzt, das Spiel im Kasseler Theater im Fridericianum kann beginnen.

Regisseur Gustav Rueb fokussiert Goethes in der Toskana angesiedeltes Künstlerdrama „Torquato Tasso“ auf die Begegnung zweier Welten, die nicht zusammenpassen. Im Eingangsbild badet der Dichter im Holzzuber, raucht und schreibt. Doch keiner ist eine Insel, immer mehr wird der hitzige Musenliebling in die Konflikte mit berechnenden Mäzenen und kühlen Verstandesmenschen hineingezogen - eine innere Explosion, Verfolgungswahn eines sensiblen Künstlers.

Im Bühnenbild von Daniel Roskamp ist Italien kein Elysium. In dieser dunklen Welt, die das Ende voraus nimmt, liebt, tobt und wütet Tasso. Er leidet an der Höflingssituation, verliert sich in der unerfüllten Liebe zu Prinzessin Leonore und findet bei Staatssekretär Antonio nur Kälte.

Der Lorbeerkranz, der dem Jüngling mit dem nackten Oberkörper in einer weihevoll zelebrierten Handlung der von sich selbst verzückten Kunstliebhaber auf den Kopf gedrückt wird (eine herrliche Szene), ist nur noch Staffage. Die goldenen Zeiten sind vorbei. Zum Schluss malt Tasso, der Schwärmer, die Liebe als Haifischschlund. Alles verschlingend. In Kassel endet der Poet unter der Guillotine.

Rueb hat das fünfaktige Kammerstück mit wenig Handlung und viel Philosophie auf fast zwei Stunden gekürzt und arbeitet einen zeitgemäßen Sprachduktus heraus. Eine eigenwillige Inszenierung, in der die psychologisch fein ausgestalteten Menschenbilder zwischen den Polen Technokratie und Kunst, Gefühl und Kontrolle tief berühren, weil sie ins Heute tragen. Goethe nicht light, aber ganz nah, getragen von brillanten Schauspielern. Stürmischer Applaus.

Am 17., 19., 26. und 28. März, Karten: Tel. 0561/1094222.

Von Juliane Sattler

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