Im Rahmen der Kasseler Musiktage führten Kasseler Chöre Rudolf Mauersbergers „Dresdner Requiem“ auf

Wie Leiden zu Musik wird

Die Kirchditmolder Kirche konnte all die Aufführenden und Zuhörer kaum fassen: Auf der Empore versammelte sich die Kirchditmolder Kantorei als Hauptchor mit den Instrumentalisten und dem Leiter Michael Gerisch. Foto: Malmus

Kassel. „Ich lag auf der Bürgerwiese nicht weit von der Schule wie ein Schwein auf dem Boden. Wie durch ein Wunder bin ich davongekommen.“ So erinnerte sich der Dresdner Kirchenmusiker und Leiter des berühmten Kreuzchores, Rudolf Mauersberger (1889-1971), an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945.

In seinem 1947/48 komponierten „Dresdner Requiem“ versuchte Mauersberger, die schrecklichen Ereignisse und Erlebnisse künstlerisch zu fassen. Dass er dabei keine kompositorischen Wagnisse einging, sondern sich innerhalb der Tonalität und der vertrauten Formen bewegte, verwundert zu diesem Zeitpunkt nicht.

Das einstündige Werk für drei Chöre, Knabensolisten, Blechbläser, Schlagwerk und Orgel fand bei den Kasseler Musiktagen mit ihrem Motto „Kreuzungen - Elend und Glanz“ einen würdigen Platz. Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Michael Gerisch (52), der selbst in Dresden studiert hat, fanden sich drei Chöre zusammen: die Kantorei Kirchditmold als Hauptchor, das Collegium Vocale an St. Marien mit Thomas Pieper als Altarchor und das Vocalconsort Kassel mit Christoph Heimbucher als Fernchor.

In der mit 650 Zuhörern voll besetzten Kirchditmolder Kirche leitete Gerisch eine emotional hoch gespannte Aufführung, an deren Gelingen die drei Chöre, die Knabensolisten Tim Egner, Jonathan Engelland, Fabian Krämer und Jakob Thiele und die Instrumentalisten gleichermaßen Anteil hatten.

Mauersberger hat sich in seiner „evangelischen Totenmesse“ allein auf biblische Texte gestützt und den Gedanken, zeitgenössische Texte einzubauen, verworfen. Allerdings setzt er auf die Beteiligung der Zuhörerschaft, die durch das Mitsingen zweier Choräle zur Gemeinde wird. Gerade der Choral „Mit Jubelklang“, gemeinsam mit voller instrumentaler Begleitung gesungen, entfaltete eine gewaltige, fast trotzige Kraft - ein protestantisches „Dennoch“.

Dass ein eintrittspflichtiges Konzert so fast den Charakter eines Gottesdienstes annimmt, mag einige Zuhörer befremdet haben. Ebenso wie die zeitweise am Altar knienden liturgisch gewandeten Kinder. Allerdings verweist diese Form der musikalischen Gestaltung auch auf die Zentralfigur der Kasseler Musiktage, Heinrich Schütz, zurück, für den Musik ganz unzweifelhaft der Verkündigung zu dienen hatte. Die Aufführung endete daher konsequenterweise ohne Beifall.

Von Werner Fritsch

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